MODELL BERLIN oder: Was ist so groß an Groß-Berlin?

Thomas Martin

Dass Leben Spuren hinterläßt, gilt als relativ bekannt. Es fängt mit der Geburt, der wir uns so schwer entziehen können, an. Wir wachsen, wohnen, arbeiten, wir zeugen Kinder oder lassen sie zeugen. Wir adoptieren, produzieren, vernichten, töten, vergehen – all das erzeugt Spuren. Wir hinterlassen Spuren und das Leben hinterläßt Spuren in uns. Sogar und erst recht das Verstecken erzeugt Spuren. „Je luftiger ein Versteck, desto geistreicher. Je freier es dem Blick nach allen Seiten preisgegeben, desto besser.“ Das sagt der Urberliner Walter Benjamin. Wir müssen nur auspacken, was in der Luft liegt. Auspacken heißt erzählen und erzählen ist Kultur.

Kultur macht die Produktion Berlins aus, Kultur ist der zentrale Wirtschaftsfaktor. Nun geht mit Unterstützung der nächstliegenden Senatsverwaltung (Kultur & Europa) ein Projekt um, das sich mit eben der Kultur, den Künsten hier befaßt: MODELL BERLIN. Es versammelt Berliner Institutionen im Dialog, die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung St. Matthäus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, das kommende Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste und andere.

Berlin hat viel zu erzählen und die Leser entscheiden, was lesenswert ist. Jedes Medium, jede Zeitung, jede Webseite, jeder Sender, hat eine eigene Vorstellung davon, was an die Leute zu bringen ist und wie in einer von Kultur übervollen Stadt. Wir können sie uns als Badewanne vorstellen, in die das warme Wasser unentwegt fließt, in der alle planschen wollen, aber der Abfluß ist verstopft. Oder wie ein Bild, das fortdauernd übermalt wird von Künstlern und ihren Kritikern gleich mit. Irgendwann verwischt das Profil.

Klar, man kann über Berlin so gut schreiben, weil Berlin sich ständig selber be- und überschreibt. Ihr Völker der Welt: diese Stadt ist Europas narzißtischste Stadt! Keine so mit sich beschäftigt, keine Hauptstadt reflektiert in Permanenz sich selbst so sehr wie „be Berlin“.

Versuche, der Stadt den Narzißmus auszutreiben, gab es viele. Die Mauer als verlorenes Alleinstellungsmerkmal, nach Beuys aus ästhetischen Gründen lieber 20 cm höher, ist immer noch die Spur, die der Stadt ihre anziehendste Aura verpaßt. Der nach Hitler (Germania!) intensivste antinarzisstische Ansatz, die Periode der staatlichen Teilung, hat zu dem Ergebnis geführt, das wir heute haben: immer noch keine Metropole. Immer noch das Gerangel aus Dörfern und Zentren. Kein Proletariat, kaum eine Massenbewegung außer Touristen und gelegentlich eine Schwemme Start ups, die wie ein Schluckauf des Zeitgeisthangovers an die Oberfläche ploppen.

Es soll hier nicht um die Kulturpolizei gehen. Es geht um Selbsthilfe, Verstehen, Strukturieren, Sortieren von Ansichten, um klar zu sehen: Was erwarten wir noch von der Stadt, die uns – entgegen der oft propagierten Politik – doch nicht so ganz gehört? Wie können wir sie gestalten?

Ziel wäre die Kenntlichmachung dessen, was wir üblicherweise als Stadtkultur bezeichnen. Wodurch zeichnet sie sich aus? Wer sind ihre Produzenten? Wer kann seine Existenz damit sichern und wem kommt sie in welcher Form zugute? Wo die technische Entwicklung immer weniger Arbeit für immer mehr Bürger („Bürger“, was bedeutet das noch?) zu bieten hat, wird – im besten Fall – Kreativität freigesetzt. Kunstproduktion als Arbeit zu definieren, setzt die Strukturierung dieser Produktion voraus. Der Kulturstandort Berlin ist durch seine Überproduktion exemplarisch. Und der wachsende Sektor der Kreativität ist nicht allein durch kontinuierliche Erhöhung der Kulturetats zu regulieren.

Künstler in Berlin, die Zahlen schwanken, von bis zu 20.000 ist die Rede, und schwankend ist die heikle Frage der Definition. Wer sich selbst als Künstler/Künstlerin ansieht, wird von anderen, vermeintlichen Kollegen oder Konsumenten noch lang nicht so gesehen. Die Statistik ergänzt diesen Punkt mit dem Hinweis, daß nur jeder zehnte von seiner Kunst auch wirklich leben kann. 160- bis 200.000 Angestellte weist der Kultur- und sogenannte Kreativsektor auf, das heißt mehr als jeder zehnte von 1.600.000 Arbeitnehmern hier.

Doch zurück zu „Was vorher geschah“: Vor 100 Jahren stand Berlin am Scheideweg, die Stadtentwicklung lahmte der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. Die Formung von 94 Stadt- und Landgemeinden zu 20 großstädtischen Bezirken war Voraussetzung für die sprunghaft wachsende Metropole, die von der preußischen Hauptstadt zur Hauptstadt des Kaiserreichs und der Weimarer Republik wurde. Die am 1.10. 1920 mit Gesetzeskraft beschlossene Agglomeration der Gemeinden, Bezirke und Dörfer führte zur Genese einer Großstadt mit enormen Synergieeffekten. Landbevölkerung traf unmittelbar auf Proletariat, Proletariat auf Intellektuelle und Künstler. Dialekte, Traditionen, kulturelle Prägungen prallten aufeinander und führten, befeuert vom Katalysator der technischen Neuerungen und sozialen Reformen, zu ungeheurer Beschleunigung in allen Lebensbereichen.

Was groß gewesen war lesen wir aus einer Notiz des bayrischen Berliners Bertolt Brecht, Silvester 1928: „Meine Freunde und ich wünschen dieser großen und lebendigen Stadt, daß ihre Intelligenz, ihre Tapferkeit und ihr schlechtes Gedächtnis, ihre revolutionärsten Eigenschaften, gesund bleiben.“ Das wünschen wir auch, besonders da wir 90 Jahre später einiges mehr wissen über das schlechte Gedächtnis der großen Stadt. Zu den revolutionären Eigenschaften kommen wir später. Das heißt wir untersuchen, was revolutionär ist an dieser Stadt. Ist es am Ende doch der Mauermythos, sind es die Tacheles-90er oder wieder, immer wieder die brüllenden Goldenen Zwanziger, an denen die Stadt sich letztlich selbst befriedigt (und die seit jetzt wieder beginnen)?

Uns interessieren Reflexionen, Thesen, Theorien, eine Philosophie für Berlin, die nicht zwingend von Einmaligkeit, nicht zwingend von Größe, nicht zwingend von „Weltstadt“ ausgeht. Das Revolutionäre, Modellhafte kann im Kleinen, ganz Kleinen liegen, unter der Pflasterplatte, im Hirnkasten, in der Zukunft, in der Geschichte und oft tief versteckt. Versteckt in Archiven, diesen mit der Menschheit und über sie hinaus wachsenden Batterien eines revolutionären Gedächtnisses und der Schöpfungskraft, die wir so schwer nutzen können, weil die Reproduzierbarkeit erstens selbst Bestandteil des Kunstwerks geworden ist und zweitens den Menschen selbst anfaßt. Weil wir an allem zu viel haben im Turbo einer nie endenden Gegenwart, die auf Surplus angelegt ist und keine Struktur für die Bewahrung, Aufbewahrung des Vergangenen hat.

MODELL BERLIN ist nun ist ein Projekt, das sich auf Walter Benjamin als Kulturkritiker, Kritiker der Großstadt mithin und überhaupt, beruft. Geboren in Charlottenburg um 1900, gestorben 1940 im Exil, wo er auf der Grenzlinie zur Freiheit sein Leben in die eigene Hand nahm. Die Geschichte ist bekannt. Bekannt sind Benjamins Thesen über den „Begriff der Geschichte“, seine fragmentarisierte Essai-Komposition „Einbahnstraße“, seine autobiographische Sammlung zur „Berliner Kindheit“, sein medientheoretisch grundstürzender Aufsatz zum „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Und schließlich, neben hunderten Rezensionen und Aufsätzen, sein „Passagen“-, sein Lebens-Fragment, eins der gewaltigsten, das die Literaturgeschichte kennt. Eine Sinfonie der Großstadt und deren Analyse – sowohl der Großstadt als der Sinfonie – zugleich.

Benjamin schreibt seine „Passagen“ ab 1927 von Berlin aus auf Paris, „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ zu, um dort den Urgrund einer Hauptstadt der Moderne nach soziokulturellen geschichtsphilosophischen Motiven zu erforschen. Kenneth Goldsmith, geboren 1961 in Long Island, übernimmt diese Ausgangslage ab 2010 und spinnt von hier aus das Netz seiner kontextualen Untersuchung der Stadtbühne New York; Ergebnis: „New York, CAPITAL of the 20th Century“, 911 Seiten in der Kurzfassung, Verso Publishers 2015. Auch als ebook zu haben, und als Loseblättersammlung nützlich, wenn über den Großen Apfel zu reden ist. Eine profundere Liebeserklärung an New York als die ausschließlich aus Zitaten zusammengesetzte von Goldsmith wird es die nächsten hundert Jahre nicht geben.

Keine Ahnung (doch, eine Ahnung …), warum Berlin so was nicht hat. Wir wollen das ändern.

Wir, das sind Autoren, Künstler, Wissenschaftler aus Berlin und Hauptstädten weltweit, die sich anläßlich des Gründungsjubiläums der „Groß-Berlin“ genannten Gemeinde, einmal über eben diese beugen, um zu sehen, was – ja, was ist das eigentlich? Was ist so groß an Groß-Berlin? Wir nehmen Berlin als Gegenstand einer Betrachtung vor, die den Modellcharakter erst erweisen muß. Wir stellen ein Berliner Passagen-Projekt auf, ein philosophisches Panorama, eine literarische Kartographie, ein Wörterbuch in Bild und Ton der Lebenswelten dieser Stadt. Wir präsentieren es in dieser Kolumne sowie hörbar, sichtbar, begehbar demnächst an verschiedenen Orten – den Rändern und Mitten Berlins.

Der Zustrom an Menschen, Ideen, Projekten seit 1989 haben Berlin ein fast schon fatamorganatisches Bild verliehen. Kaum überschaubare neue Strukturen sind entstanden, und bevor sie sich durchsetzen, sind die alten noch lange nicht verschwunden. Um sich dem Leim der Überlagerung zu entziehen, beschleunigt die ohnehin beschleunigte Gegenwart ihre kulturelle Produktion noch mehr. Unanpassbare Nuancen, Zwischenräume, die für Berlin typischen Brachen verschwinden im Malstrom dieser Zentrifuge.

Die „Berliner Sachen“ Uwe Johnsons, das einander entgegengesetzte, entgegen sehende Berlin der Bettina Wegener, der Christa Wolf, des Thomas Brasch, der nicht so vielen doppeldeutschen Grenzgänger, das Berlin der Künstler, die das strittige Privileg der Einundausreise hatten, der Vergleichsmöglichkeit zweier Systeme – diese Phänotypie ist tot. Exklaven, Enklaven, Ost-West, sie sind tot. Das Anarcho-Kaff Kreuzberg – ist tot. Der Intellektualismus, Trivialkultur, Stadtproll und Lokalpatriotismus vereinende Prenzlauer Berg – tot. Schlachthöfe, Mülldeponien, Rieselfelder – tot. Die Aufbruchskulturwut der Grenzruinen, der Clubs, der Keller, Bunker und Tresore – tot. Der Alexanderplatz – untot.

Überlebt hat die leere Mitte, die als Wortwitz Kulturforum heißt. Überlebt haben die Schlafstädte Gropius-Viertel, Marzahn und Hellersdorf. Überlebt hat nicht Ost gegen West, überlebt hat „ihr da Oben gegen die da Unten“. Also doch eine Mauer, noch eine Mauer. Um hier nicht allzu kulturpessimistisch auszuklingen, beschließen wir diesen Auftakt mit dem Sachsen Heiner Müller, geworden und gestorben in …: „Berlin ist das Letzte. Der Rest ist Vorgeschichte. Sollte Geschichte stattfinden, wird Berlin der Anfang sein.“ Wann geschrieben? 1983. Wo veröffentlicht? Vergessen.