Tag Kanalisation

“The underneath of New York, the American metropolis par excellence, is the most disconcerting of all. Much the same has already been said of London and Paris, as the works of Dickens and Gissing, and Sue, Hugo, and Zola testify—and Walter Benjamin consider the Parisian passages and Métro stations as places providing access to the collective unconscious.”

Mario Maffi, New York City: An Outsider’s Inside View. 2004

Berlin ist eine flache Stadt, Tiefe existiert hier nicht, nur Breite. Wenn die Stadt sich ausdehnt, dann nicht in die Höhe, nicht in die Tiefe, nur zur Seite hin, wie ein Teig.

Das kollektive Unbewusste, das sich in der Unterwelt der großen Städte entfaltet, ist vielleicht nur noch nicht reif für die Welt da oben. Es zieht sich in Katakomben, U-Bahnschächte, Kanalisation zurück wie der Embryo des Kängurus in den Beutel der Mutter bis seine Zeit kommt. Das kollektive Unbewusste, sprunghaft wir ein Känguru, ein Fluchttier, was sonst.

Der Berliner Untergrund hat (außer in der Ostberliner Lyrikszene der zweiten 20. Jahrhunderthälfte ) keine Mythologie, nur Geschichte. Dazu gehören die Eigenschaften der Kanalisation als Versteck für die von Deportation und Tod bedrohten Juden und die Sprengung der U-Bahnschächte durch die SS im Mai 1945. Dann noch die Tunnel der Fluchthelfer unter der Mauer durch.

Beispiel Moskau. Der Untergrund dort ist definiert durch die Metro. Die große Moskauer U-Bahn als Ort der U-Topie, nach Boris Groys: „Eine Utopie braucht eine gewisse räumliche Isolation, um in allen Einzelheiten sorgfältig erdacht und erbaut und vor der möglichen Korruption durch die übrige, unvollkommene Welt geschützt zu werden.“ Paläste der Arbeit im Untergrund als Lohn pharaonischer Knochenarbeit. Die goldglänzende, die marmorierte Hölle, Transit für Millionen täglich.

Der gelegentlich sagenhaft ausgemalte Grund unter Berlin, exemplarisch: Führerbunker, ist die einzige Untergrunderzählung, die Berlin hat. Es scheint, dass der schwimmende märkische Sandboden nicht vielmehr hergibt. Ansonsten ist Berlins Unterwelt, war (http://modellberlin.com/tag-75/) ein Kaninchenbau.

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