Tag 75

Nature City Writing (cuniculi)/

Noch vor Jahren gab es sie. Sie gehörten zur Stadt wie die Menschen. Sie liefen in Gruppen, zu zweit, zu sechst, zu siebt, über die Wiesen der Parks und Brachen. Sie haben viel gesehen. Sie saßen im Mondlicht unterm Fernsehturm zwischen Marx und Engels am Spreeufer, besetzten den Tiergarten auch tagsüber und rund um die Uhr den Todesstreifen (Kontrollstreifen) der Mauer, dessen Gräser sie kurz hielten., sie trommelten mit den Hinterläufen auf den Boden der märkischen Großstadt, wo er frei von Beton war, und hoppelten über die Kreuzung bei Rot und jeder Farbe sonst. Noch vor Jahren.

Wo sind sie jetzt? In Brandenburg? In Afrika?  Getilgt von Ratten, von Tauben vergiftet? Unter der Erde? Im Weltall? Wir könnten Experten befragen, Erklärungen mit Beleg sind interessant … jedenfalls, sie sind fort. Oder selten geworden. Und vor kurzem noch waren sie typisch.

Letzten April sah ich wieder welche, an zwei Tagen hintereinander. Unter den verrosteten Liesenbrücken, die sich 28 Jahre lang über die Mauer wölbten und jetzt ein Stück davon, das unter Denkmal steht. Ich radelte betrunken durch die Ausgangssperre, die frühen Vögel pfiffen schon, und genau da, wo ein Jahrhundert lang das Gründerzeitpissoir stand, saßen drei Kaninchen auf dem wüsten Land, das Liesen-, Schering-, und Gartenstraße umkreisen.

Es wurde hell oder der Mond schien, ich weiß es nicht mehr, und die drei sahen mich konsterniert und wie versteinert an. Es hätte natürlich auch nur eines sein können, wegen der Betrunkenheit, aber sie saßen so still, dass fast kein Irrtum möglich war auf dem Fahrrad im Dunkeln und im Kreisverkehr.

Am nächsten Nachmittag wollte ich das überprüfen. Ich nahm als Zeugen meine Familie mit. Wir kamen über die Chausseestraße am Niemandsland des BND vorbei – und sahen sie, gesiegelt in den schwarzen Asphalt links und rechts vom Mauerbacksteinstreifen, der sich über die Fahrbahn zieht. Dutzende flachgepresste Messingkaninchen im früheren Grenzgebiet; die Assoziation zu den Stolpersteinen lag nah. Wir fanden keinen Hinweis, was das war, außer ganz genaugenommen eben street art. Wir ließen es dann sein, nach den echten zu suchen.

In diesem Jahr sah ich schon keines mehr. Man liest auch nichts mehr über sie, hört nichts. In der Literatur trommeln sie noch. Alices‘ weißes Kaninchen, das in Furcht, immer zu spät zu kommen, über und durch den Globus rast, und die Gabe hat, uns durch die Abgründe unsrer unweißen Phantasien zu führen, wird das populärste sein.

Die übergeordnete Bedeutung der Kaninchen in Berlin notiert Ernst Jünger am 6. Oktober 1945 auf zerschossenem Dachboden bei Hannover fest: „Aus Berlin kommen immer noch furchtbare Nachrichten. Man hört von Straßenzügen, wo die Bewohner Höhlen gegraben haben wie Kaninchengänge, in denen sich die Frauen verstecken, wenn die Soldateska ihre Streifzüge macht. Der Flüchtling, der das erzählte, hatte in einem Eisenbahnwagen …“ und dann kommt noch schlimmeres.

1966 schreibt Ezra Pound im Entwurf für Canto CXVI:

 

But the record

               the palimpsest –

a little light

                 in great darkness –

    cuniculi –

 

Kaninchen als Überlieferer, Palimpseste, die hoppelnden Festplatten der Geschichte, die, vielleicht, Licht im Dunkel bedeuten, Hoffnung sind oder bringen, Gedächtnis, Speicher der Zeit in Vierbeinergestalt? Ein possierliches Tunneltier, das noch jedes Kabel durchgebissen hat, als Speicher, Tunnelgräber oder selbstpersönlich Tunnel? Lateinisch cuniculus lässt beides zu, Tunnel, Röhre oder Hase sein.

Je länger man darüber denkt, je verwirrender wird es und setzt sich ab so fest wie Kalk und so bizarr wie Kaleidozyklen von Escher im Hirn. Einerseits. Andererseits: wie die Stadt.

Stellen wir uns die Stadt unter uns als ungeheuer ausgedehnten Kaninchenbau vor: Ein Röhrensystem, das die Anlage der human-urbanen Straßen, Brücken, Kanäle und Tunnel bei weitem überwuchert, resistenter ist und eigenständiger als das der Ratten, die nur als Parasiten unseren von uns ausgetretenen Pfaden und dem Unrat (Abfall) folgen. Stellen wir uns den Erdball als cuniculum cuniculorum vor, ein Hohlraum, der uns trägt, absorbiert und uns erzählt. Kaninchen sind die Bibliothekare der Katakomben Berlins, deren Eingänge, im Gegensatz zu denen von Paris, niemand kennt. Sie sind nicht erforscht, weil sie einer andern Spezies zugehören, die wir nicht verstehen oder die gar nicht mehr existiert. Wir haben die Kanalisation und den Unterwelten e.V.

Vor kurzem fiel es mir auf, und die ich frage, stimmen zu: Die über den kurzen Gräsern der städtischen Wiesen nachts auftauchenden Löffel, die zappelnden Lampen der kleingliedrigen Familie der Hasen sind auf unbestimmt verschwunden oder zumindest extrem dezimiert. Vielleicht ersetzen Molche, Biber, seltene Krebse die Position der Kaninchen. Vielleicht, denn alle Tierwelt nimmt ab, auch die tschilpenden Spatzen sind selten geworden, und nicht nur, weil niemand mehr draußen an Tischen seinen Kuchen isst. Sie wurden vorher schon rar.

Musikalisch können wir uns cuniculi als baritonale Saxophonstränge vorstellen, vokale sich windende Röhren mittlerer Größe, die wie aus einer Suite von Coltrane durch die Gehörgänge wehen und sich ins unendliche dort verweben. So kommen beide, Tiere und Tunnel, in eins. Wenn wir die Ohren an die Erde der grünenden Stadtwiesen legen, können wir, am günstigsten im Lockdown, davon etwas hören.

Audioempfehlung: John Coltrane, “A Love Supreme” (super deluxe edition)

Videoempfehlung: Bartosz Konopka, “Królik po berlińsku”

Begleitlektüre: Andy Riley, “The Book of Bunny Suicides”

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