Tag 78

Ausnahmen des Ausnahmezustands (2)/

Konjunktiv II/

Heute haben wir im Deutschkurs Konjunktiv II gelernt. Und es scheint mir, dass wir während der Corona-Phase alle in ausgesprochener Konjunktivstimmung leben: Es wäre schön, ans Meer zu fahren/wäre toll, wenn die Restaurants geöffnet wären/wäre wunderbar, Freunde zu treffen/wäre wunderbar, mal wieder ins Theater zu gehen/wäre … Es wäre einfach nur gut, wenn der oder das Virus endlich verschwinden würde.

Ich lebe wie viele meiner Freunde in einer bedingten Gegenwart, in einem gekrümmten Raum, in einer gestörten Zeit. Das Coronavirus als Chronotop – es existiert nur in der Konjunktivstimmung.

Die Realität wird vollständig von Lockdowns zerkaut, von schlechten Nachrichten geplagt und von Angst abgedrosselt werden. Die menschliche Existenz scheint gegabelt zu sein. Einerseits gibt es eine verkürzte und begrenzte Realität, andererseits gibt es Pläne, Wünsche und eine Parallelwelt der Konjunktivstimmung.

Dieser Dualismus erhöht die Komplexität einer bereits verwirrenden Situation. Zunehmend muss man sich die Frage nach der Selbstidentifikation stellen und sich in der „echten“ Gegenwart aktualisieren oder „updaten“, um zu verstehen, in welcher Art von Realität man sich gerade befindet beziehungsweise auf welcher Stufe welcher Art von Realität.

Im Radio, Fernsehen, in den Zeitungen und vor allem im Netz geben Psychologen, Soziologen und ein Heer von Experten Ratschläge, wie wir in dieser schwierigen Zeit nicht unseren Job, unsere Familie und uns selbst nicht verlieren. Nur machen all diese Tipps die Situation kaum einfacher. Am Ende betonen sie nur die Komplexität und verschärfen das Problem. Zur Konfusion addiert sich eine Note Panik.

Oh, wie großartig wäre es zu leben, wenn die Konjunktivstimmung Wirklichkeit würde! Aber, aber, aber. In diesem Ozean des Chaos sucht jeder nach geeigneten Methoden und Instrumenten zur Selbststabilisierung. Noch nie war das Individuum so prominent und bunt aufgestellt wie heute. Individuelle Herangehensweise und soziale Distanz sind die Parolen unserer Zeit. Ein Widerspruch in sich? Oder ein Ausweg aus dem Reich des Widerspruchs und der Verwirrung?

Mir ist klar geworden, dass ich ausschließlich im Konjunktiv lebe. Danke an den Deutschkurs (B 2.2) dafür. Er zeigt mir die Grenzlinie zwischen grammatikalischem Konjunktiv und dem Konjunktiv als Lebensform.

Ich rede leicht über das, was wäre und kann nicht mit Sicherheit entscheiden, was wirklich existiert. Ich habe den Bezug zur wirklichen Gegenwart völlig verloren und möchte ehrlich gesagt auch keine wirkliche Verbindung zu dieser Gegenwart haben. Was ich in dieser Gegenwart habe: Masken, Tests, eineinhalb Meter, geschlossene Cafés, na ja, und das Frühjahr. Der Frühling scheint ganz real. Man kann auf die Straße gehen, im Park spazieren, auf einer Bank Kaffee trinken … Wenn es nur ein bisschen wärmer wäre und nicht so ein starker Wind wehen würde … dann wäre alles real …

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