Unter Markisen

Mads Pankow

Der Anblick von Markisen hat mich immer tief ergriffen: Das warme Licht, dass sich unter dem braun-orange gestreiften Polyester sammelt. Geblümte Plastiktischdecken, straff über klapprigen Tischen. Wespen drängen sich erfolglos am Bierdeckel auf dem Limonadenglas. Die brütende Sommerruhe im Paradies hinter Geranien, Petunien, wenn man im weißen Monobloc-Plastikstuhl versinkt, als wäre es eine Recamiere. Hinter Gleitsichtgläsern über Kreuzworträtseln gebeugt, passt die Welt formgerecht in zwei Dutzend Zeilen und Spalten. Als Kind war Berlin für mich nicht Theater und Musik, Mauer und Denkmal, keine Szene, kein Kiez, kein Club: kein Brenn- und Sehnsuchtspunkt von Kultur und Hedonismus. Berlin war der Balkon meiner Großeltern: Geborgenheit und Friede. Großstadtidyll.

Über ein halbes Jahrhundert lebten sie hier, in der Weißen Stadt, jüngste Siedlung der Berliner Moderne, gebaut, um die Berliner aus ihren Hinterhöfen und Vorstadtfavelas zu befreien. Das gute Leben: Alabasterfarbene Häuser mit blauen Regenrinnen, getrennt durch streng frisiertes Grün, gereiht um Straßen, die nach Schweizer Bergorten in Reinickendorf benannt sind. Sie wollten hier nie wohnen. Das Leben verschlug sie hierher, so wie ein Leben sich organisierte, nach dem Krieg, bevor der Lebensort zum Lifestyle wurde: Nicht der eigene Identitätsentwurf, das Schicksal entschied.

Mein Großvater fand eine Stelle, im Heizwerk, meine Großmutter in der Wäscherei gleich nebenan. Die Wohnung, gestellt von der Stadt, als der Stadt noch Wohnungen gehörten, keine hundert Schritt entfernt. Dass sie im Weltkulturerbe lebten, hat sie nie beeindruckt. Etwas ungläubig beobachteten sie die internationalen Studentengruppen, die sich hier versammelten, um mit aufgerissenen Augen das Brückenhaus über der Aroser Allee zu durchschreiten.

Für meine Großeltern war dieses fast hundert Jahre alte Tor, die Zukunftsvision von gestern für eine Stadt von morgen, nur der Weg zum Supermarkt. Sie passierten es täglich mit entsprechendem Gleichmut. Sie blieben generell unbeeindruckt von ihrer Stadt. Die Dramen und Gräuel, die Errungenschaften und Befreiungsschläge, die sich für mich heute in den Fassaden dieser Metropole spiegeln, waren für sie nicht weniger — und nicht mehr — als ihr Leben.

Sie erlebten als Kinder, wie der Krieg zu ihnen nach Hause bis ins Kinderzimmer kam. Sie überwinterten die Nachkriegszeit in Baracken vor den Bahngleisen am Grunewald, gründeten eine Familie im Fadenkreuz dutzender Atomsprengköpfe und eilten mit Meißel und Hammer zur Mauer, in jener Nacht im Herbst ’89, um diese Geschichte zu Ende zu bringen. Sie haben ihr Leben genossen, ihre Sommer mit den Philharmonikern in der Waldbühne verbracht und die Kataloge der Nationalgalerie gesammelt.

Meine Großeltern haben die Stadt erlebt, gelebt und stehen doch irgendwie neben ihr, leben um sie herum und an ihr vorbei. Wie die meisten Berliner, die nur noch selten in Mitte leben, in Neukölln oder Kreuzberg, wo zugereiste Berlin vermuten. Wer hier geboren ist, wohnt an den Ausfallstraßen, am Spandauer oder Tempelhofer Damm, an der Residenzstraße oder der Buschkrugallee. An verunglückten Magistralen, verwürfelt unter Handyshops, Grill-Restaurants und Nagelstudios. Ich habe meine Großeltern mal gefragt, warum sie hier leben. Ich glaube nicht, dass sie mich verstanden: Als könne man sich das aussuchen.

Mads Pankow ist Politikberater und er lebt in Kreuzberg. Seine Großeltern sind nach einem halben Jahrhundert in der Weißen Stadt doch noch umgezogen: nach Tegel.