Tag 27

Zum Ersten 

Heute war es extrem kalt. Der Wind fuhr unter die Kleidung und sogar unter die Haut und hätte wohl auch die Seele erreicht, falls es sie gibt. Ich meine, wenn es eine gäbe, und würde der Wind sie erreichen, wie leicht könnte sie erfrieren … darum machte ich mir Sorgen, als wir zum Spielplatz marschierten, so kalt war es. So kalt in dieser unfreundlichen und pflastersteingrauen, betriebsarmen Stadt, die so leer ist ohne Schnee und so voll mit den Sorgen, die das Virus mit sich bringt. (Sollte ich hier für spätere Generationen anmerken, dass es sich um das Corona-Virus, „Covid 19“ handelt? Wird, was uns heute Asche im Mund ist, dann noch irgendwen interessieren?)

Während wir über die Prenzlauer Allee stapften, bauten sich halbgefrorene Bilder aus von mir nie erlebter Vergangenheit in mir auf. Bilder vom zerbombten und zerstörten Berlin, Erschossene, Autowracks und Panzerwracks und tote Tiere in den Straßen, Häuser ohne Dächer, ohne Mauern, Ruinen, Krater, umherirrende mehr-Tote-als-Lebendige, Konzentrationslager, Verhungernde, und dann auch das noch – die Lager des Gulag im Fernen Osten, „Auschwitz ohne Öfen“, hat Warlam Schalamow diese Region des Humanismus genannt. Der Wind hat mir die Seele aus dem Leib gerissen und auf dem Asphalt zerschmettert, so fühlte ich mich mit diesen unwillkommenen und unpassenden Gedanken und dem Kinder an der Hand heute. Vielleicht wäre es mit Schnee leichter gewesen. Mein Mann sagt, vor zehn Jahren war der Dezember in Berlin der schneereichste, an den er sich erinnern kann. Cafés, Geschäfte, öffentliche Einrichtungen, sogar die Theater hätten freigeschaufelt werden müssen. Würde es heute schneien, wie passend wäre der Anblick eines vollkommen zugeschneiten Theaters für diese vorstellungslose, an Zwangsvorstellungen dafür übervolle Zeit.

Zum Zweiten

Heute vor 82 Jahren, am 27.12. 1938, starb Ossip Mandelstam an Hunger und Typhus im Lager bei Wladiwostok. Verurteilt wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“, so konnte man das Schreiben von Gedichten im Stalinismus auch nennen. Das gebrochene Rückgrat des

Jahrhunderts.

Meine Zeit, du meine Bestie, wer kann

Dir Aug in Auge gegenüberstehn

Wer wird, mit seinem Blut, den Wirbel

Unsrer Jahrhunderte zusammenschweißen?

 

Zum Dritten

Das Trauma des Zweiten Weltkriegs, die hypertrophe deutsch-nationalistische Idee, das große und brutale sowjetische Experiment, die Nachgeburt des Kalten Kriegs – all das ist in den genetischen Code der Generation unserer Eltern, unsrer eigenen, eingegangen und wird in die Generation unsrer Kinder und Enkel noch eingehen. Vielleicht gar nicht so verkehrt, sich an all das zu erinnern in unserer Welt heute und jetzt. In 10405 Berlin.

 

Zum Vierten

Wir sind auf dem Spielplatz unterm Wasserturm, im vermutlich reichsten Viertel in NO. Es ist sehr kalt. Die Sinne, alle sechs, sind betäubt (lächerlich, nicht mal 0° C!) und der siebente stirbt grade ab. Wir sind auf der Suche nach irgendeinem Ort zum Pinkeln, keine Pissoirs hier, kein Klohäuschen, kein Kleingeld, keine Restaurants. Mir fällt ein, gelesen zu haben, dass in der Reformbaubewegung vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin auf neu angelegten Spielplätzen in vermögender Gegend ein Pissoir für Männer und für Frauen und ein Milchhäuschen für kleine Kinder inklusive betreuender Kinderfrau angelegt war. Es ist mal wieder Zeit, die Zeit zu verfluchen. Und jetzt kommt mein Mann mit der Situation in einem Flüchtlingslager in Bosnien. Das Lager, ein Zeltlager, ist abgebrannt, die Menschen übernachten im Schnee – im Freien, in seiner gebrochenen Bedeutung. Ein einziges Zelt für Frauen und Kinder. Die dort sind tatsächlich am Erfrieren. Der Obdachlose im Sparkasseneingang in der Prenzlauer bekam Besuch vorhin von zwei Damen auf guten Trekkingrädern, die ihm jede ein schönes Mehrkornbrot auf den Schlafsack legten. In Bosnien-Hercegovina sind die meisten Einwohner gegen Migranten. Und ich muß immer noch pinkeln. Das rote Bauarbeiterklo auf der abgekippten Palette, aus dem es trotz der Kälte derart nach Scheiße und Chemie stinkt, dass sich der Vergleich mit allen überlaufenden Kloaken in allen Lagern dieser Welt aufdrängt, oder vornehmer metaphorisch formuliert: als ob hier sämtliche Hoffnungen des vorigen Jahrhunderts vor sich hin verwesen würden, ist eine Option. (Dachte ich, hoffte ich, konnte aber nicht.)

Wir liefen, so schnell wir konnten mit dem kleinen Kind, nachhause. Vielleicht um uns abzulenken, oder weil es nun das Thema dieses Tages war, sprachen wir vom Hunger. Laut eines UND-Berichts sterben 10.000 Kinder monatlich auf der Welt an Hunger. Und, seit längerem bekannt, in Deutschland werden im Schnitt 30% der gekauften Lebensmittel weggeworfen. In die Bio-Tonne. Was ist das für ein Leben, ein Scheißleben. Keine Gerechtigkeit, kein Klo, die Pandemie, wohin man sieht, die Kindergärten sind zu, nichts zu machen, niemand zu besuchen und nichts anzusehen, keine gnädige Decke von Schnee und das einzige im Überfluß ist Selbstmitleid. „Und ein böser stacheliger Wind bläst alles Leben weg“ – kam zufällig von irgendwoher zu mir.

Zum Schluß

Als wir nach Hause kamen, ließ ich das Wasser in die Wanne. Und in dem heißen Wasser las ich, dass die Eigentumswohnungen im Haus, vor dem das rote Dixi-Klo steht, für den Quadratmeterpreis ab 5.500 € zu haben sind. Auch nicht beruhigend.

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