Die Stadt in meiner Hand

Marie-Pierre Bonniol

In seinem Gedicht „La vue“ (1904) beschreibt Raymond Roussel eine Diorama-Landschaft im Innern der als Lupe dienenden Glaskugel seines Füllfederhalters und schildert in zahllosen Einzelheiten die Ereignisse dieser im Instrument seines Schreibens enthaltenen Welt. In seinem Roman „Fluchtplan“ stellt sich der argentinische Schriftsteller Adolfo Bioy Casares eine lediglich gezeichnete Landschaft vor, die durch eine Veränderung der Sehnerven sichtbar und räumlich erlebbar wird.

Nachdem die unbeschwerte Zeit zwischen zwei Corona-Wellen zu Ende gegangen ist und unsere Beziehung zur Welt mehr denn je von der Wahrnehmung in die Repräsentation übergeht, frage ich mich, welche Beziehung zur Stadt ich mit mir, in mein Inneres, meine Isolation nehmen werde? Wie stellt sich ein Berlin dar, das man in Platons Höhle mitnimmt? Passt die Stadt in eine Hand, wirft sie ihre Bilder an die Wände? Tun sich hier Straßen auf, wie jene, die Walter Benjamin zu Beginn seiner „Einbahnstraße“ beschwört und die Asja Lacis, wie er erklärt, „als Ingenieur im Autor durchbrochen hat“? Was ist eine Stadt, wenn die Umstände uns dazu zwingen, sie in uns zu tragen? Sollte man ihre Architekturen in sein Inneres mitnehmen? Ihre Einwohner, ihre Werke? Ihren Verkehr? Zwei besondere Splitter stechen aus diesem Berlin in mir hervor, während der zweite Lockdown läuft: der Schatten eines schwebenden Hula-Hoop-Reifens und ein kraftvoller Lichtstrahl über den Herbstfarben Berlins, der vom Kindl-Zentrum für Zeitgenössische Kunst aus fotografiert wurde, im Rollbergviertel, wo sich so vieles verändert.

In der Einführung zu seinem Buch „Dispositifs pulsionnels“ (dt. „Intensitäten“) regt Jean-François Lyotard an, Malerei, Musik, Theater und Text nicht länger unter dem Aspekt der Darstellung zu betrachten, sondern sie als Energietransformatoren zu begreifen, als Werke, die bei ihren Adressaten eine intensive Wirkung auslösen, „oder, besser gesagt, die ihre Empfänger durch die intensive Wirkung, die von ihnen ausgeht, finden.“

Wenn ich in diese neue, eben anbrechende Phase zwei bewegende Eindrücke dieser Stadt mitnehme, wird sie zu einem Energietransformator, der als Antrieb eines nunmehr inneren Theaters funktioniert. Werde ich in ihren noch zu bauenden Straßen, auf ihrem Stadtplan emotionale Anknüpfungspunkte finden, die meiner Imagination, die die einer Fremden ist, entsprechen?

Ich glaube an das ungeheure Netz aus „Passagen“, das Walter Benjamin konstruiert haben, wie an ein weitläufiges neuronales, unterirdisches, stilles und leistungsfähiges Netz, in das sich die Stadt durch unser aller Vorstellungskraft überträgt, sich entfaltet und entwickelt. In diese innere Stadt vertieft, halte ich meine kleine französische Bibliothek immer in greifbarer Nähe, darunter das Buch „Sycomore Sickamour“ von Pacôme Thiellement, das in Erinnerung ruft, dass „alles, was je geschrieben, gedacht oder gezeigt wurde, lebendig ist. Die Fiktionen brauchen uns ebenso, wie wir sie brauchen“ und dass „die Rolle des Lesers oder des Betrachters darin besteht, mit dem Werk in einen Austausch zu treten, bis sich beide gegenseitig vollenden: als Werk und als Wesen.“

Mein Berlin-Diorama, eingebettete Stadt: Ich wünsche uns beiden, dass wir uns noch lange gegenseitig verwirklichen.

Deutsch von Kristina Lowis und Maximilian Gillessen

Marie-Pierre Bonniol, geboren in Marseille, ist Künstlerin, Filmemacherin und Kuratorin. Sie lebt seit 2009 in Berlin. www.studiowalter.com