Tag Holzwurm

Notiz zu Marcus Steinweg, 8. Juni 2021 /

Die Philosophie des Marcus Steinweg ist Sprachphilosophie, seine Sprachphilosophie ist Literatur, seine Literatur eine Dichtung neuer Art. Neu, weil sie die Löcher in den Denkkonstruktionen, die auf Sprache beruhen, besetzt. Zum Besetzen von Löchern gehört das Löcherbohren, das, wie der Dekonstruktivismus weiß, ohne Abfall nicht auskommt. Dass auch nonverbale Konstruktionen vor Steinweg nicht sicher sind, zeigt seine Kollaboration mit der Kunst, die er mit Vorliebe auf diagrammatischen Schautafeln in Überlebensgröße seziert. Seine Produktion ist neuartig auch in der Menge, vergleichbar dem Abfall von Spänen beim Sägen oder Holzbeißen, dem feinsten Mehl, das gewisse Insekten hinterlassen, wenn sie sich durch Stämme oder Bretter bohren.

Steinwegs Dichtung ist nicht neu als Dekonstruktion von Sprache, die ins Unsagbare, „aufs Schlimmste zu“, zielt; im Gegenteil bleibt sie achtsam und strikt und verweigert jede als geschlechts- oder politkorrekt zu bezeichnende Floskel. Sie ist eine Literatur der scharfen Bisse, kleinen Schritte, überraschenden Wendungen, des kalten Blicks. Steinwegs Sprachdenken fermentiert den gängigen Wortgebrauch durch permanentes Wiederkäuen und erinnert uns daran, dass Lesen Sprechen Schreiben Schrift eine Welt bedeuten, die in Kontinente geteilt ist. Die Brüchigkeiten solcher Konsistenzen aufzuzeigen, zu durchbohren und sie abzutragen, ist weniger Steinwegs Geschäft als dass es Trieb ist.

Die Denkkonstrukte, an denen Steinweg sich abarbeitet, sind etablierte Wegmarken von Sokrates und Platon bis Susan Sontag, Kant bis Žižek … was soll die Listung der Namen im Regal, wenn der Leser das Regal frisst? Er streunt um Robert Walser, Beckett, Kafka, Nietzsche, Cioran, Jünger, Deleuze, Wittgenstein, Blumenberg, Agamben, Lacan, Nancy, Foucault, Barthes, Blanchot, Derrida, liebt Heiner Müller durchdringend, durchdenkt Antigone, Hannah Arendt und Marguerite Duras und seit kurzem Walter Benjamin, streift am äußersten Ansatz gelegentlich Brecht, dem er einen der schönsten Sätze zum Thema entwindet: „Die Frage nach dem Sinn der Tränen muss um die nach ihrer Funktion und Logik erweitert werden.“

Anobium punctatum ist der Name des hart bekämpften Wappentiers der Intellektualität, dessen Larven als Holzwurm vernichtet werden, wo die Zivilisation sie findet, egal wie bunt der Staub ist, den sie hinterlassen. Zur Welt der Tiere gehört die Welt der kleinen Literaturen, die Kafka mit der Anmerkung, dass die „Gesetzgebung der Literatur ihr selbst überlassen wird“, groß gemacht, anders gesagt: von der Zeit des Lebens in die Zeit der Kunst überführt hat.

Das Denken der Vorgänger, das Steinweg durchlöchert, auseinander- und zusammendenkt, ist in seiner Sicht und Handhabung immer Literatur, so wie sein Denken ein literarischer Akt ist, der auf Sprache/Sprechen, Schreiben/Schrift angewiesen ist und davon ausgeht.

Sprache ist das Wasser, in dem ich schwimme, sagt Steinweg, der kein Fisch und auch kein Wassersportler ist. Vielmehr ist er, wir scheuen, siehe oben, keine Tiervergleiche, ein Insekt, das sich durch Vorgefundenes bohrt, eine Larve, die sich einnistet, ein Wurm, der sich windet, ein Parasit, gewinnbringend für jedes Denken, das sich als ein Nachdenken im Sinn des Vordenkens versteht, das keine Einbahnstraße ist. Nicht jedes Denken kann es – und Können bedeutet hier zuerst, vor überstürztem Denken, Stolpern, Fallen keine Furcht zu haben.

Steinweg, der groß ist, der schwer ist, nervös und meistens schwitzt, weil er immerzu am Tanzen ist, ist der emsigste, von unerbittlicher Neugier befeuerte Autor, den die deutsche Literatur heute hat. Ein großes Wort, vielleicht; übrigens ist er Deutschfranzose. Er arbeitet an der Kurzschließung von Sprache/Dichtung und Denken/Philosophie, kein Wunder, dass es blitzt und staubt. Er schöpft aus der Vertikalen, der Geschichte, aber keine Windung ist ihm fremd, keine Gegenwart, kein Toleranzgebot.

Steinweg ist ein Totemismus: Insekt mit menschlichen Zügen, das schreibt, das endlos schreibt, unaufhörlich weiterschreibt. Der Kopf ist keilförmig ausgelegt und beidseits schwenkbar, die abfallenden Schultern sind mit Stacheln bewehrt und wenig beweglich, die Fühler sind zahllos, die Füße stecken in Turnschuhe. Die zentrale Gefahr, die Spezies des Jägers, der seine Trophäen auf Nadeln zu spießen gewohnt war, ist ausgestorben, Gott ist ja auch tot und erklärt seine Macht, woran er, von dem wir reden, nicht müde wird zu erinnern, „durch seine Abwesenheit“. Manchmal macht Kafka ihm, Steinweg, ernste Konkurrenz, manchmal Beckett, doch geschickt hält er sie beide im Zaum: „Bei Kafka und Beckett ist die Öffnung auf Ohnmacht Ausweis von Kraft.“

Walter Benjamin, dem Steinweg noch einen Band, ein Bündel SPLITTER schuldet, notiert im Passagenkonvolut: „Der Text ist ein Wald, in dem der Leser der Jäger ist. Knistern im Unterholz – der Gedanke, das scheue Wild, das Zitat – ein Stück aus dem tableau.“ Es kommt darauf an, das Tableau als ein Palimpsest zu begreifen, das man freilegt, indem man es überschreibt. Das entspricht jener Geste, die Vilém Flusser als eine Art des Denkens erkennt: „Es gibt kein Denken, das nicht durch eine Geste artikuliert würde. Das Denken vor der Artikulation ist nur eine Virtualität, sonst nichts. Es realisiert sich durch die Geste hindurch. Die Geste des Schreibens ist eine Geste der Arbeit, dank derer Gedanken in Form in Texten realisiert werden. Ungeschriebene Gedanken zu haben, heißt eigentlich nichts zu haben.“

Benjamin und Flusser führen uns tiefer in den Wald. Die Holzwege, auf denen Heidegger das Wesen der Wahrheit anschritt, mögen mit Tretminen belastete Rieselfelder, Totholzmatten, um im Bild zu bleiben, sein, und nicht jeder Weg ist soft und bringt Erleuchtung. Feldweg, Umweg, Mittelweg, Holzweg, Ausweg, Abweg, Irrweg – sie alle machen das Labyrinth aus, in dem Steinweg (der nur namentlich befangen ist) das Zuhause des Denkens erkennt: „Denken, das sich in seiner Dringlichkeit verläuft, bis es das Labyrinth als sein Zuhause anerkennt.“ Das nächste sich aufdrängende Bild ist das des im Wald verirrten Kindes, der Albtraum der Kultur, der Boden der Mythen. Steinweg ist das Kind im Philosophen, das Kind, das im Verirren wächst.

Schlagwörter: