Tag des Sieges

Die Frau erzählt:

Mir schien, dass am 9. Mai plötzlich alle in Berlin anfingen, Russisch zu sprechen. Es war so viel Russisch, dass ich mich unwohl fühlte. Meine eigene Sprache störte mich. Sie schien mir hier –  sie schien mir überrepräsentiert. Dabei verhielten sich alle ganz ruhig, niemand zerbrach irgendwelche Flaschen über irgendwelchen Köpfen oder badete im Brunnen. Zumindest habe ich es nicht gesehen.

Ein paar Mal trafen wir auf Straßenmusiker, die sangen: “Unbreak my heart, say you love me again …” und “Hit the road, Jack / And don’t you come back / No more, no more, no more, no more, no …” und in den Pausen sprachen sie miteinander auf Russisch. Ich hätte eher Militärisch-Patriotisches erwartet, aber mir wurde klar, dass ich „Katjuscha“ allein zu Hause singen kann mit meinen Kindern. Die Jungs machten weiter mit: “Everybody loves my baby, but my baby / Don’t love nobody but me …” Wirklich nette sympathische Jungs.

Eine junge, schlanke Frau kommt uns entgegen. Sie spricht nicht, aber ich bin sicher, dass auch sie Russin ist. Ich sehe es irgendwie an der Art, wie sie sich hält, an ihrem Gang, daran, wie sie mit Leichtigkeit ihren Sohn, sein Fahrrad und eine Tasche in den Händen trägt. Auf dem Weg gelingt es ihr, eine Münze zu den Musikern zu werfen. Sie danken ihr auf Russisch. Auch mein Sohn wirft ihnen eine Münze zu. Er bekommt ein Dankeschön auf Deutsch.

Zur selben Zeit in Moskau strömten die Menschen von der Parade und den Festlichkeiten zurück in ihre Blocks. Nur dass sie dort etwas mehr als hier sind. Und dass sie alle Russisch sprechen, dürfte auch keinen stören.

„Wo sollen wir denn hin?“ Ein Mann im Regenmantel fragt einen Milizionär. Er hält ein zweijähriges Kind im Arm. Das Kind weint, der Polizist lacht: „Nach Berlin!“

Überall weinen Frauen und Kinder, sind Männer nervös. Sie werden alle in eine Richtung gedrückt, geschoben, es werden mehr und der Tunnel ist lang. Eine regelrechte Stampede setzt ein, die ersten Schreie steigen auf.

Das war gestern, 9. Mai, in Moskau an der Metrostation Park Pobedy, Park des Sieges. Die Behörden hatten beharrlich „alle lieben Moskauer und Gäste der Hauptstadt“ eingeladen, den Tag des Sieges dort zu feiern. Und sie kamen. Sie feierten und dann machten sich auf nach Hause. Aber der Ausgang war versperrt und die Station geschlossen. Die lieben Moskauer und ihre Gäste wurden aufgefordert, mehrere Kilometer durch einen schmalen Korridor zwischen Absperrgittern zur nächsten Metrostation zu laufen.

Und sie liefen und sie wurden mehr und mehr, denn ab und zu öffneten die Polizisten die Gitter, um Passanten auf dem Heimweg einzulassen, aber niemand heraus. Und das ging eine ganze Weile weiter so. Bis der Zaun unter dem Druck brach und die Menschen auf die Straße strömten, die gerade wieder für den Autoverkehr freigegeben war. Irgendwie haben sie es trotzdem nach Hause geschafft. Die Hupen hupten und die Sirenen fauchten. Es sah nicht aus, als ob sie nach Berlin wollten. Niemand wollte woandershin als nur nach Hause.

Niemand respektierte den Abstand während dieses fürchterlichen, idiotischen Marsches. Und mit maskierten Gesichtern hätte die Menge wohl noch absurder, noch verängstigter und angsteinflößender ausgesehen. Aber in Russland ist der Covid gewissenhaft, er ist nur bei unkoordinierten Demonstrationen gefährlich. Wenn die Menge sorgfältig von Polizei und Bereitschaft eingekesselt ist, dann ist der Covid harmlos. Er versteht, dass die Leute feiern, dass sie den Sieg, den einen, ihren letzten, feiern.

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