Tag 82

Rüschenallee / Geschichte schreiben = Geschichte zitieren / Plädoyer für Kernspaltung

Wer heute flaniert in der Karl-Marx-Allee, wandelt auf verlorenem Posten. Die blanke Leere in der Pandemie ist dagegen Hoffnung: sie zeigt mehr als sonst das Skelett der Konstruktion. Eine Rüsche am härenen Kleid der Idee des Sozialismus, eine von in der kurzen Zeit zu vielen, das auch war die Allee.

„Entschiedne Abkehr vom Begriffe der ‚zeitlosen Wahrheit‘ ist am Platz. Doch Wahrheit ist nicht – wie der Marxismus es behauptet nur eine zeitliche Funktion des Erkennens sondern an einen Zeitkern, welcher im Erkannten und Erkennenden zugleich steckt, gebunden. Das ist so wahr, daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee.“ Walter Benjamin, Passagen-Konvolut, ca. 1935

Benjamins Bild fortzulesen als erkenntniskritischen Ansatz für eine Aufspaltung dieses Zeitkerns, die zu lang als wahr verankerte Erkenntnisse wenigstens vorübergehend wieder auf den Kopf stellt, kann in einer dazwischengeschobenen Epoche, wie der der epistemologischen Krise, die wir mit dem vieldeutigen Namen Corona bezeichnen, sinnvoll sein.

„Eigentlich ist das doch eine Chance, daß man Benjamin jetzt neu lesen kann – nicht nur Benjamin, auch Marx – ohne Bindung an diese Versuche, das zu realisieren. Die sind gescheitert, und jetzt kann man wieder darüber reden.“ Heiner Müller, 1991

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