Tag 74#3

Schloß im Himmel (7) Variationen der Selbstverteidigung/

DIE MAUER als erster systemischer Lockdown Berlins betrachtet. 1961: Osmose der Stadt-/Systemhälften war lebensbedrohlich geworden für die vom Marshallplan nicht umfasste ZONE. Der Westen hatte ihn, den Plan, der Osten hatte die Reparationen. Ein übergroßes Plus gegen das würgende Minus. Der Westen hatte Eigentum, der Osten Ideologie, die, wie sich zeigen sollte, ohne Besitz nicht griff. Es war eine rotierende, aber mehrwertmäßig leerlaufende Planfigur der Produktion. So war Lohnarbeit nicht möglich; sie wurde zur Kunstform.

„Der Kommunismus ist nicht radikal, radikal ist der Kapitalismus.“ Darüber lohnt sich wieder nachzudenken. Wenigstens vom Standpunkt aus, dass es ihn vermutlich doch noch nicht gegeben hat, den Kommunismus.

Benjamins früheste Äußerung zu Brecht, Mai 1929: „Wir sind weiß Gott zu isoliert als daß wir uns mit unsern Gegnern verfeinden dürften“, kann als Grundlehrsatz der Blockkonfrontation gelesen werden; im besonderen gültig für die Berlin beider Blöcke.

Benjamin spricht von der Großmütterlichkeit Lenins: „Die Mutter zeigt ihr Gefühl dem Kind durch Lebensfürsorge; die Großmutter durch Geschenke.“ So kam die Sowjetunion über die Deutschen (bis zur Elbe): Als Vater, der sie im Krieg besiegt hat; als Mutter, die sie umsorgte; als Großmutter, die sie beschenkte. Ein schräges Bild, das Verbrechen und Strafe, Züchtigung und Lohn amalgiert.

Die Leninsche Großmütterlichkeit, umgesetzt mit Stalins Wolfsgesicht, richtete sich entsprechend der Anti-Trotzki-These – SOZIALISMUS IN EINEM LAND – gegen den Rest der Welt. Zum Selbsterhalt. Für die Dauer nicht ganz dreier Generationen.

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