Heiner Müller, geboren 1929, erwähnt kurz nach dem Mauerfall in einem Gespräch die Kraft der Intellektuellen, die in ihrer Randexistenz liegt: „Susan Sontag kehrte neulich von einer Konferenz über das Schicksal Osteuropas zurück und meinte: ‚Jedesmal, wenn man als Intellektueller an so einer Konferenz teilnimmt, verliert man ein Stück seiner Unschuld.‘ Unschuld ist Kraft und gehört zum Rand wie die Naivität oder der Traum.“
Die Unschuld des Gedankens kann so leicht verloren gehen wie Blattgold von einem Denkmal im Wind. Sie geht nicht vom Denken selbst verloren, das „grundsätzlich schuldhaft“ ist, wie Müller an anderer Stelle sagt, sie geht im Kontext verloren, der mehr sozialer als moralischer ist; der moralische ist es nur, weil es der soziale ist. Denis de Rougemont beschreibt es im „Tagebuch eines arbeitslosen Intellektuellen“ (Februar 1934) mit einem Satz über die Armut: „Sie ist nur deshalb ein so schlimmes soziales Problem, weil sie ein ungelöstes moralisches Problem ist.“ Armut ist nicht gedacht. Sie ist auch nicht zu denken, zu denken ist nur ihre Herkunft.
Denken bedeutet Schuld, weil es ein Angriff auf die Realität ist. Denken offenbart Charakter, den Benjamin den „destruktiven“ genannt hat. „Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung seines eignen Zustands bedeutet. Zu solchem apollinischen Zerstörerbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird.“
Wer denkt, zweifelt. Dafür ist ein Abstand nötig, der am Rand zu haben ist, abseits der Menge, abseits vom Zentrum. Armut kann vorübergehend hilfreich sein, wie jede Form der Ausgrenzung. Müllers Erkenntnis, dass die Intellektuellen in keinem anderen Land derart gehasst werden, wie in Deutschland, ist ein Euphemismus. Man hasst sie überall. Die hier benannten haben es erfahren.
Dass Denken auch kannibalisch ist, ist bekannt und wird entsprechend verdrängt; keine größere Angst als vor dem Blick in den Abgrund des Ich, keine größere Angst, als dass es zurückblickt in mich. Reflexion stellt Identität infrage. Müller erinnert daran: „Wer mit sich identisch ist, der kann sich einsargen lassen, der existiert nicht mehr, ist nicht mehr in Bewegung. Identisch ist ein Denkmal.“
Die Heimat der Intellektuellen, mit einem urdeutschen Wort gesagt, ist Zonenrandgebiet, ihr Aggregatzustand die Krise. Dass die Front, an der man kämpft, im Zentrum liegt und nur der Politik gehört (die, wo sie sie nicht steuern kann, der Ökonomie nachhinkt), macht den echten Intellektuellen zum Partisanen, nicht der schlechteste Beruf. Heiner Müller hat ihn am 30. Dezember 1995 auf die andere Seite des Daseins verlagert.