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Tag 119

Winterreise 45/22

Wolfgang Engler, Soziologe und, wie mir lange nicht klar war, Musikliebhaber, drückte mir vor Jahren eine Kassette in die Hand mit dem Hinweis, hier, auf der letzten in Nazideutschland eingespielten WINTERREISE, wären die Einschläge vom Frühjahr 45 in Berlin zu hören. Musik und Bombardement live aufgenommen für den Reichsrundfunk auf den gerade erst entwickelten und nur „im Reich“ bekannten Magnetophontonbändern. Solang ich die Kassette besaß und abspielte, hörte ich den Einschlägen nach, sicher, dass sie da sind, war ich nie. Die Kassette ging irgendwann verloren, die Geschichte ist die:

Vom 23. Februar bis zum 13. März 1945 spielen ein Pianist, Michael Raucheisen, und ein Tenor, Peter Anders, Schuberts Liederkreis ein. Der Ort ist das Rundfunkstudio in der Masurenallee, für wenige Wochen noch Haus des Großdeutschen Rundfunks. Ort und Zeit am Kriegsende schrumpfen zusammen in die Sauerstoffblase, die Verfügbarkeit der Musiker und des noch nicht zerstörten Studios boten. Wir hören die Einschläge in den Aufnahmen nicht – wir sehen sie. Sänger und Pianist, Gottbegnadete auf Hitlers Liste, beide überleben den Krieg, beide überleben ihre Winterreise.

Zwei Zeugen des Untergehens, einer, der Schuberts traurige Lieder ins Verlorene singt, der andere, der am Klavier begleitet. Ein Spiel im Abgrund, im Krater, den Luzifer beim Sturz auf die Erde hinterließ, und den Dante als Theater unter der Erde, Inferno, beschreibt. Ein Trichter, der in die Ewigkeit reicht, aus dem die Toten nach dem Feuer der Läuterung stimmlos rufen. Hölle und Paradies sind Vakua der Zeit. Man denkt gelegentlich dran, bevor man in die Narkose sinkt. Von den Künsten hat Musik die narkotischste, auch aufwühlendste, jedenfalls unmittelbarste Wirkung.

Die Winterreise im Vorfrühling 45 reißt eine Öffnung in die Vakuumverpackung, nicht weit genug, um zu entkommen, nicht klein genug, um weiter vollends dicht zu sein. Die Surrealität ist beschädigt. Nur einer spielt hier, einer singt an gegen den Riss, der durch das Ganze geht. Der Riss ist die Kunst, die ein Mensch produziert noch im Zustand tiefster Schuld, die von tiefster Demut aufgefangen wird. Es ist die Funktion von Kunst, etwas jenseits der Realität aufzuzeigen, noch im Krater der Zerstörung, und wenn ein Lied das letzte ist, was bleibt.

Hört man den Klängen des letzten Liedes, dem „Leiermann“, den taumelnden Klängen der wie mit letzter Kraft angeschlagenen Tasten nach, sieht man den Kreisel austrudeln, den ein Kind in der Hand hielt, vielleicht auf der Straße, auf der jetzt kein Platz für einen Kreisel ist zwischen Kratern und Toten und Schrott.

„Phönix“ hieß der Kreisel, den ich als Kind besaß, ein Industrieprodukt aus buntem Blech und Plaste von vermutlich volkseigener Spielwarenherstellung. Der Vogel Phönix muß ein Kind sein, das durch Krieg führt und Vernichtung, das untergehen muss, um aufzuerstehen.

Wir hören die Aufnahme von 1945, wir sehen die Bilder von  2022. Wir sehen die Frau am Klavier in zerschossenen Ruinen, tanzende Kinder zwischen Unterricht und Luftalarm, ein Mädchen Geige spielend im Luftschutzkeller der Metro in Kiew, den Cellisten in Charkiw auf der zerbombten Kreuzung zwischen zerschossenen Blocks Bachs erste Cello-Suite spielen. Wir sehen irgendwen singen, einzeln für sich, für einen Verlorenen und im Chor. Keine Hymnen, keine Märsche, nur Stimmen. Sie komplementieren das Bild der zerschossenen Fahne über Trümmern, in deren Fetzen und Farben der Wind spielt.

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