Tag 111

Notizen zur Erkenntnis //

Müller erwähnt Platonow, den Meliorationsingenieur (Lokführersohn und Utopist, verfemter Autor) einmal. Er zitiert „Die Epiphaner Schleusen“ im Gespräch mit Alexander Kluge 1988, und zieht das Gleichnis zur Erlösung, auf die wir hoffen, glaubend oder nicht. Erlösung ist der Moment, in dem sich das Missverständnis klärt, an dem dein Leben hängt; wenn die Schleusen fortgespült werden und der Tropfen versiegt in der Wüste. Der Tropfen ist der Moment der Erkenntnis, wenn tiefste Demütigung dich Demut lehrt, oder das Thema der „russischen Seele“.

Dieser Moment ist Schock- und Fluchtmoment: bis hierhin und nicht weiter. Hier hat etwas ein Ende, unter ungünstigen Umständen das Leben. Manchmal muss man es selbst in die Hand nehmen. Ein irritierender Satz in seiner doppelten Bedeutung. Die Irritation war für Kafka – zum Beispiel – die Stimulanz seines Schreibens.

In Benjamins Worten öffnet der Moment den Abgrund der Geschichte: „Freilich fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu.“ Der Blitz der Erkenntnis ist der letzte, den wir sehen und er geht durch uns.

Mit einer Notiz im „Fatzer“-Konvolut lokalisiert Brecht die Erkenntnis in der Bewegung: „Die Wahrheit kann an anderm Ort gebraucht werden, als wo sie gefunden wurde.“ Anderswo anders formuliert und in Brechts Staatstheorie hineinspielend: „Die Wahrheit kommt vor in der Lehre vom Einverständnis, der Lehre von der richtigen Haltung. Beim Einnehmen der richtigen Haltung wird die Wahrheit, d.h. das rechte Erkennen der Zusammenhänge zutage treten.“

Die Erkenntnis der Zusammenhänge ist das Geheimnis, von dem Platonow spricht, wenn er sagt, „Wahrheit ist Geheimnis, immer Geheimnis“. Es gibt keine offensichtliche Wahrheit; es gibt nicht nur eine. „Das im Jetzt seiner Erkennbarkeit aufblitzende Bild der Vergangenheit ist seiner weiteren Bestimmung nach ein Erinnerungsbild.“ Mit diesem Satz, seinem womöglich letzten, wüsste man gern, was Benjamin, das Gift im Magen, noch gesehen hat in der Nacht zum 27. September 1940. Der Blitz der Erkenntnis löst nicht nur – er löscht auch etwas aus.

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