Tag 106

„Passage“/Kommunikationen //

Passagen sind Häuser oder Gänge, welche keine Außenseite haben – wie der Traum. (Walter Benjamin, Notiz zum Passagenkomplex, ca. 1935)

Im Traum war ich dann in einem sehr schmalen auch nicht übermäßig hohen, glasüberwölbten Durchhaus, ähnlich den ungangbaren Kommunikationen auf primitiven italienischen Bildern, von der Ferne auch dem Durchhaus ähnlich, das wir in Paris gesehen haben, als eine Abzweigung der rue des Petits Champs. (Franz Kafka, Tagebuch, 8.12. 1911)

Liest man Kafkas, ein Vierteljahrhundert vor Benjamins Notiz verfassten, Tagebucheintrag, sieht man die beiden osmotisch verschmolzen in der einen doppelköpfigen Figur des Flaneurs. Wo Kafka allein von der Literatur ausgeht – sie als Passant durchläuft – vermisst Benjamin mit der literarischen Methode das geschichtsphilosophische Terrain.

Die „Straße der kleinen Felder“, die Kafka anspricht, hat ihre Herkunft im Namen behalten und hält ihm mit ihm das versiegelte Umland am Leben in der Mitte der Stadt, die das Zentrum des Landes in einer Gegend ist, die sie dort die Île-de-France nennen. Eine Passage durch die Zeit, durch das Land, vom Land in die Stadt und zurück.

« La rue des Petits Champs est un passage à travers le temps, à travers campagne, de la campagne à la ville et retour. »

Benjamin hat das Phänotypische solcher Segmente festgeschrieben. „Die Passagen wirken manchmal als Ganzes, manchmal nur in gewissen Teilen wie raumgewordene Vergangenheit“ – was wir genauso gut als Metapher für den Traum lesen können.

Benjamins Passage, Kafkas Durchhaus sind das urbane Element, das den Traum von der idealen Stadt in sich trägt. Ein Traumzustand. Weniger für Architekten oder die Administration als für uns, die wir in der Stadt so gut verloren gehen wie im Wald – im Traum. Durchhaus ist eine Binnenarchitektur, sie wohnt in uns, sie lässt uns Raum und Zeit durchgleiten. Sie ist eine Filmarchitektur.

Verräumlichung von Zeit: Wir sehen sie in der bildlichen Darstellung der idealen Stadt von der Renaissance bis heute, von Palladios Zentren über die Generalbebauungspläne der Metropolen von Paris, London, Moskau, Los Angeles bis Chongqing. Wir sehen sie in der Figur Giorgio-Martinis, der als erster eine ideale Stadt in Plan setzte und zugleich die ersten Sprengbomben, Minen entwickelte, die Abrissbirne mitlieferte.

« Toujours surprenant que la chaîne de la modernité s’enfonce plus profondément dans l’histoire qu’on ne le pensait. »

Die Passagen, dieses „Mischgebilde aus Haus und Straße, Straße und Interieur“, ist gerade deswegen von besonderer Zählebigkeit. Ein Amalgam aus Zeitraum, Traum, Verlangen und Erfüllung wie sonst keine urbane Installation. Sie sind, mit Kafka, Kommunikationen.

Der Sprachgebrauch des Wortes hat sich geändert, auch das Durchhaus kommt eher selten, nur in Wien noch vor. Die Faszination ist noch da, wir erleben sie das erste mal, wenn wir als Kind durch eins der Aufklapp- oder Pop-up-Bücher mit den Fingern gehen und durch das Buch ins Kinderzimmer gucken, in die Welt.

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