Die Grenzüberschreitung

(Erinnerungsprotokoll)

Ende Februar 1990 betrat ich West-Berlin das erstemal. Es hatte noch einen  Paß gebraucht und ansonsten nur zwei Schritte durch eine Lücke in der Mauer.

Die sonst unüberwindliche lag vor mir, obwohl sie noch stand: aus Beton errichtete Barrikade gegen die Zeit, das Waffenstillstandsabkommen des letzten, kalten, Kriegs, die verkörperte Systemschranke, die durch das 20. Jahrhundert lief, ein Trümmerhaufen. Bevor man sich des signifikantesten Bauwerks der Stadt versichern konnte, war es zerlegt, zerfressen worden von privater Hand, zehntausenden von Händen. Sie schrieben mit Hammer und Meißel zugleich die Parodie des irrelevant gewordenen Staatswappens der irrelevanten Republik, das Hammer und Zirkel und die Ähren zeigte. In ein paar Wochen würde die vorletzte Regierung abgewählt werden, in ein paar Monaten würde die letzte Regierung sich selbst abschaffen und mit dem Restland eingehen in die Republik, die noch vom Rhein aus regiert wurde.

Es war Nacht, als ich durchwollte. Alles Dunkel war von Lichtinseln trübe durchsetzt. Vor den Grenzübergangsstellen stauten sich Passanten im Flutlicht umfunktionierter Suchscheinwerfer, die den den Westen Suchenden ihren Weg über ausgehobene Mauerteile wiesen. Ungefähr da, wo sich heute wieder Leipziger und Potsdamer Platz begegnen, wurde die Menge durch einen Bauwagen geschleust, in dem Offiziere der Grenztruppen Pässe begutachteten. Sie taten es, wie Postbeamte Briefmarken mit Sonderstempel versehen. Sie winkten die Wartenden durch ihren Wagen mit dem melancholischen Ausdruck derer, die ihrer Tätigkeit für einen Überfluß gewiß sind. Es war Formalie und nicht mehr als das. Mein Paß erhielt den einzigen Vermerk seiner zehnjährigen, sonst ungenutzten Gültigkeit bis 11. Februar 2000.

Bei Betrachtung des Stempels 30 Jahre später zeigt sich ein noch immer souverängrün gefärbtes Feld mit dem freimaurerhaften Signum Hammer, Sichel, Ährenkranz, dann gestuft absteigend die drei Konsonanten D, D und R, daneben ein auf Kollisionskurs mit dem R befindlicher LKW über das Datum rollend, darunter dann in frisch erhaltenem Magentaviolett der Schriftzug „Potsdamer Platz“, darunter die unschlüssige Folge der Zeichen „xoxoxox“, dahinter in eckigen Klammern die Zahl 029. Was auch immer sie bedeutet haben mögen, sie sind das Beleg meines Grenzübertritts.

Die LKWs fuhren, ich tappte über den dürftig ausgeleuchteten Platz. Jemand hatte fürsorglich ACHTUNG STUFE! auf ein Mauerteil gepinselt, woanders war VOR EINTRITT FÜSSE ABTRETEN zu lesen. Auch: ANGELA, ICH LIEBE DICH und ENDE DER FREIHEIT oder GRÜN IST DIE GRENZE DER HOFFNUNG und aufmunternd: MEHR FREUDE AM STIL stand auf der Rückseite zu lesen. Über Kundgebungen derart war ich erstaunt. Mauersegmente, zum Leporello aufgekrempelt, wiesen schleusenartig den Weg zur Veranstaltung, die vorläufig nur mit „Drüben“ zu bezeichnen war. Gitterzäune lagen platt in gefrorenem Schlamm, rotweiße Bänder markierten die Baufreiheit als Schauinsland der Geschichte. Ich lief auf orange flimmernde Lichter zu, unter denen ich eine Einkaufsmagistrale, wenigstens eine Kreuzung erwartete, von der belebte Gegend zu erreichen wäre. Als erstes traf ich auf ein Schild: ENTLASTUNGSSTRASSE. In solchen Zusammenhängen kannte ich bislang nur Belastung.

Ich begriff nicht, daß es sich um die rein technische Benennung handelte. Daß hier Verkehr auf eigens angelegten Trassen zur Entlastung der Bezirke, die ich suchte, fließen sollte, darauf wär ich nicht gekommen. Daß die Trassen als potentielle Anschlußstellen in eine erwartete Gesamtberliner Zukunft angelegt waren, wäre mir glaubhaft erschienen: das Kapital, wie in Staatsbürgerkunde Klasse 8 gelernt, auf dem Sprung. Schließlich waren die Reichsautobahnen auch als Entlastungsstraßen in die Zukunft verlegt worden. Möglicherweise war das nüchterne Wort als Vordruck zu verstehen, der jederzeit durch den Namen einer Stätte, eines Toten, einer neuen Zeit ersetzt werden konnte.

Im Stadtosten waren Debatten um Straßennamen wie Toleranz- statt Otto-Grotewohl- für Wilhelmstraße schon in Gang, und wenn schon Toleranz warum nicht auch Entlastung? Warum nicht, wenn ein paar Jahre später Yitzhak Rabin mit seinem Namen die deutsche Geschichte an eben der Stelle, zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag, entlasten sollte, die nun als Tiergartentunnelfortsatz knapp 300 Meter bis zur Paul-Löbe-Allee in die Bannmeile des Regierungsviertels führt?

Ich lief ein Stück Entlastungsstraße entlang. Mitfahrgelegenheiten boten sich an, ich lehnte ab. Ich lief weiter, wie ich zu spät begriff, im Kreis. Der Horizont war aus ineinander gekippten Vertikalen gebildet. Von fern warf die Messinghaut der Philharmonie ein Goldlamé über die Silhouette ringsum. Unter den nun nicht mehr die Zukunft ausweisenden Viadukten der Magnetbahn über dem wüsten Land mit Namen Potsdamer Platz tauchten Gruppen offensichtlich auch Irrender aus tintorettohafter Tiefe auf und verschwanden, während andere aus den spukenden Schatten der Tiergartengehölze brachen. Ich hatte, ganz offensichtlich, die urbanen Bezirke verlassen, ich war im Weichbild der Stadt, im innersten Niemandsland gelandet.

Die nachtfahle Peripherie hätte bedrohlich statt harmlos und verlassen wirken können, wäre da nicht der Waldrand des Tiergartens gewesen, beides paßte nicht in mein gegenstandloses Bild dieser Hälfte der Stadt. (Ausgenommen der Überlieferung des Mords an Rosa Luxemburg, die hier in der Nähe erschlagen und aus dem Landwehrkanal gefischt worden war; das einzige Ziel das ich jenseits der Mauer hätte benennen können.) Das Ausland, das ich betreten hatte, war auf den Plänen, die ich kannte, leerweiß, mit Laubbaumeinschuß und Straßen ohne Namen versehen, die durch dreieckig ausgewiesene Grenzübertrittstellen in die Gegend führten, die zu betreten ohne weiteres unmöglich war. Jetzt war das Weitere da. Ein Ausnahmezustand auf Bestellung, nach langem Stillstand viel und ungeordnete Bewegung, alles versprach nicht mehr nur sich zu ändern, alles änderte sich schon und viel mehr war im Anmarsch. Das war, noch bevor es beunruhigend wurde und ans Eigentliche, Eigentum und Arbeit ging, ein Zustand wie zwischen dauernd offenen Türen. Es war frisch, kalt, ein wenig, war es auch. Keinesfalls ein Zustand, der in irgendeiner Form Gewöhnung versprach.

Es hätte ein ungefährer Schritt von A nach B gewesen sein können, zweitens eine Irreversibilität wie etwa der Schuleintritt eine ist. Schließlich war es beides nicht und hatte doch von beidem was. Und drittens war es ja zu ahnen. Keine Stadt besteht aus weißem Grund und Straßen ohne Namen, irgendwer lebte da ja auch.

Zweimal lief ich an den Resten des Hotels Esplanade vorüber, querte die viel verheißenden Bellevuestraße, Lennéstraße, dann stand wieder der Wald. Lessing schwieg auf seinem Sockel unter Bäumen, rings machte sich Unruhe breit in der anbrechenden Nacht. Namen riefen sich gegenseitig aus, Verirrte drängten zusammen nach irgendwo, aber wohin schienen die wenigsten zu wissen, und ein Warum – ja warum, das hatte sich erledigt, warum war ja klar, es gab die andere, größere Hälfte der Welt zu entdecken. Von Erobern, mit Sicherheit, war keine Rede.

Ich irrte über vereiste Pfade an Tierdenkmälern vorüber auf einen Kreisverkehr zu. Dann versackte der Verkehr und mit einem Mal war es still. Dann fernes Rauschen und Applaus. Jubel wallte irgendwo auf. Ich tastete mich durchs Gebüsch auf autobahnbreiten Asphalt zu, zwei Polizisten trabten vorüber wie Kentauren im Dienst. Berittene Polizei hatte ich bis hierhin für etwas aus der Vorkriegszeit gehalten. Aus dem Hufgetrappel schälten sich wieder Jubel und Applaus, jetzt deutlich hinter mir. Durch die Äste schimmerte Licht von der Ostseite, von dort klang es hell und silbern, wie Hämmern aus einem Bergwerk zu ebener Erde. Ich lief zurück.

Der einzige mir vom Hörensagen bekannte Orientierungspunkt, den ich zu erkennen hoffte, war das Lenné-Dreieck, fast schon sagenumwobene Exklave der Weststadt, wo aus den Stürmen des kapitalistischen Gegenüber, eine Welle Empörter in den Hauptstadtteil der Stadt geschwappt war im Jahr 88. Aber wie das Hörensagen übersetzen in einen visuellen Punkt? Wie sah sie, die sagenhafte Stelle, aus? An welchem der schon zersäbelten Mauersegmente sollte ich das frühere Niemandsland erkennen, hier wo nicht nur im Dunkeln alles Niemandsland war. Zwar staatsrechtlich Volkseigentum noch, aber wie wir, das Volk, bald lernen sollte, schon parzelliert und vergeben an die großen Projekte, deren Resultate uns heute täglich an nicht nur historische Umstände, auch an verpaßte Gelegenheiten erinnern.

Wo das brachliegende Gebiet Hoffnung auf Besiedlung verkörperte, die Utopie eines Zueinanderkommens, steht nun die größte Einkaufspassage des Kontinents, auch eine Mauer. Das Lenné-Dreieck wurde von der Gesamtstadt Berlin 1991 für eine (1) DM an Hertie verkauft, Hertie von Karstadt aufgekauft und Karstadt verkaufte an Metro. Das Dreieck, das ich nicht fand, ist vom Beisheim-Center überbaut.

Es ging auf Mitternacht zu. Am Brandenburger Tor, dessen Westportal ich als hinteres bislang nicht zu Gesicht bekommen hatte, wurde von uniformierter Grenzpolizei die Erde umgegraben. Vielleicht waren das die Ausgänge für den Not-, natürlich Verteidigungsfall, von dem wir in der Schule gehört hatten: da wären Tunnel tief Unter den Linden, da würde unsere Panzer durchrollen können, um im Westen Stellung zu beziehen, falls – falls, ja. Unsere Panzer – erstaunlich, was man alles mitgenommen hatte, und was an Ideologie zu nichts anderem als zu Ökonomie geworden ist.

Jeder Blick, den ich als Kind aus der S-Bahn, wenn sie in Grenznähe fuhr, rüber in den Westen hatte, enthüllte ein Versprechen, mehr aus Leerstellen, als aus dem, was an Architektur sichtbar war. Die Weißheit des Gropius-Viertels, vom S-Bahnhof Plänterwald aus zu sehen, das Gold der Siegessäule am Horizont hinter dem Brandenburger Tor, die vom Fernsehturm aus zu erkennende Zoo-Gegend, das alles war nichts im Vergleich zu den Ödländern. Die sprachen die Hoffnung aus. Wie auch die Ruinen im Osten noch, der bis Ende der 70er Jahre als Schutthaufen herumliegende Gendarmenmarkt, die Ruine Haus der Technik an der Friedrichstraße, die zum Kunsthaus Tacheles und heute eine Lofthochburg wurde.

Längs der schon durchscheinenden Mauer lief ich zurück. Immer noch Trauben im Beton pickender Menschen, schon geordnet nach Gewerken und Geschlecht: hier hämmernde, die Brocken nach Graffitigehalt sortierende Männer, dahinter Frauen, die Brocken in Splitter zerkleinernd, die Splitter in Zellophan verpackend. Wer ein stark bemaltes Stück erobert hatte, schrie auf und hielt hoch, manch einer verkaufte seins gleich oder tauschte. Es waren Trophäen und Tickets für kommende Fernreisen zugleich. Jedes Stück war Andenken noch und schon Geld, jeder Hammerschlag Vergeltung am System und Verwertung desselben.

Avidan, der türkische Friseurmeister und BerlKönig-Shuttle-Chauffeur, erzählt heute noch von seinem Advent auf der Mauer, von der er die dicken Asbestrohre, die als oberste Unüberwindlichkeit die Mauer krönten, an US-Amerikaner für 5 DM den halben Meter verkaufte. „Da hatt ich mir die Hände gerieben! In Handschuhen natürlich!“

Ich hatte das Schlupfloch zurück in den Osten erreicht. Am Potsdamer Platz stand noch der Bauwagen, ihn passierte niemand mehr. Die Uniformierten lehnten im Fenster und sahen ihrer Arbeit entledigt dem Menschenstrom zu. Wo die Lichtinseln waren, wiesen gefrorene Fußstapfen den Weg jetzt nach überall hin. Mondschein lag in den Pfützen der klaren und hier stillen Nacht.

Unter den Linden lief ich zurück Richtung Stadtmitte. Im Lustgarten sangen Mitglieder der zurückgetretenen Regierung unter halbwegs gehobenen Fäusten die Internationale gegen den Zeitgeist, der die Mehrheit westwärts trieb, und einige hundert versprengte Genossen um die kaum beleuchtete Tribüne zusammenzwang. Das Zeichen der Partei, die zwei ineinandergreifenden Hände – links die des Sozialdemokraten, von rechts die kommunistische – hing schwer in den paar roten Fahnen. Die Luft roch nach Abgasen und Schnee.