Tag 51

[Sterberaum, ein coronares Phänomen]

Gregor Schneiders STERBERAUM ist das Theater der Stunde. Seine Bühne, konzipiert für den öffentlich sterbenden Menschen, ein Sakrileg von Beginn, hat ihre Bestimmung in Darmstadt gefunden. Covid-19 und die Folgen sind nur ein Teil der Erkenntnis, die Stalin in vier Worte wie vier Pfosten gesetzt hat: KEINE MENSCHEN, KEINE PROBLEME. Sie ist die Inschrift über Schneiders Tor zur Hölle. Sein kaltes Purgatorium braucht kein Personal; nicht nur weil es wegen der Pest im Theater stattfinden muss, das Theater im Netz, leer ist in doppelter Hinsicht, ausdruckslos, resonanzlos. Walter Benjamin wartet seit 100 Jahren auf die Umsetzung seiner Deutung des Ausdruckslosen: „Das Ausdruckslose ist die kritische Gewalt, welche Schein vom Wesen in der Kunst zwar zu trennen nicht vermag, aber ihnen verwehrt, sich zu mischen. […] Als Kategorie der Sprache und Kunst, nicht des Werkes oder der Gattungen, ist das Ausdruckslose strenger nicht definierbar, als durch eine Stelle aus Hölderlins Anmerkungen zum Ödipus, welche in ihrer über die Theorie der Tragödie hinaus für jene der Kunst schlechthin grundlegenden Bedeutung noch nicht erkannt zu sein scheint. Sie lautet: Der tragische Transport ist nemlich eigentlich leer, und der ungebundenste.“ Gregor Schneider kommt Hölderlins Definition des Tragischen nah wie man ihr nur kommen kann. Wir sehen seine Räume an, in seine Räume hinein, wir sehen nichts als uns beim Sterben zu.

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