Tag 48.2

Schloss im Himmel (6) /

 

Berlin war immer groß nach den großen Katastrophen. Seit der industriellen Revolution zählen wir drei: Die Zäsuren der Weltkriege und den Mauerfall, denen die Reichsgründung 1871 mit der Reichshauptstadt Berlin als vorausgehen musste. Zumindest aus der Sicht Bismarcks war Berlin da schon auf gutem Weg Hauptstadt Frankreichs oder wenigstens Europas zu werden.

 

Andere Haupt-Städte der Moderne kamen ohne solche Katastrophen oder Gegenkatastrophen aus. London, Paris, Moskau, New York. Sie alle waren von den Epochenkollisionen betroffen, aber keine andere Stadt stand im Zentrum der Beben wie Berlin, keine andere wurde von der geopolitischen Tektonik und Blockkonfrontation so durchfurcht wie Berlin, das ja Sender wie Empfänger war. Der Spalt in den tektonischen Platten ging im 20. Jahrhundert durch Berlin, wie er im 18. und 19. und später noch durch Polen ging. In dieser Hinsicht war Berlin mehrfach und in verschiedener Bedeutung auch polnische Hauptstadt. Und das schon im Jahr 1002, als der polnische König Bolesław in Köpenick eine Burg anlegen ließ. Dann kamen zehn Jahrhunderte Geschichte, in denen nicht nur Polen ein paarmal von der Landkarte verschwand, auch Deutschland mutierte in Extreme, verschwand teilweise von der Karte bzw. verdoppelte sich, bekannt als „deutsche Teilung“, und fiel, als die Mauer nicht mehr trug, wieder zusammen.

 

Polnische Hauptstadt war Berlin auch in den 1980er Jahren, als viele Polen, sofern sie das konnten, dem Kriegsrecht ihres Landes entflohen, und im Westen Asyl und Devisen suchten, bevor das Reisen ab 1989/90 dann zur legitimen Passage wurde. Das Zentrum dieser Hauptstadt war die vom Krieg zur Brache leergefegte Fläche des Anhalter- und Potsdamer-Bahnhof-Geländes. Die Magnetbahn fuhr ein paar Jahre obendrüber und das Zentrum war der Polenmarkt. Zentralfiguren wurden die Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernseher (damals noch westdeutscher Produktion) durch die Grenzübergänge schleifenden Polen, denen man als DDR-Einwohner nur neidvoll nachsehen konnte, wenn sie am Ostbahnhof ihre Kartons in die Züge nach Warschau oder gleich in den Moskau-Berlin-Express wuchteten. Wir in Ostberlin hatten ersatzweise die polnischen Hortex-Champignons und Sauren Gurken und die kunstfertigen billigen polnischen Handwerker dafür.

 

Vielleicht sollten wir Berlin historisch so in Erinnerung behalten: als zentral-europäische Tauschbörse, mal hier viel bedeutend, da mal weniger, flexibel und vor allem nicht so wichtig.

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