Tag 109

Vier Phänomene //

Regen

Nur in der Stadt arbeitet Regen als weitere Reflexionsebene: Die Fenster gegenüber, Fenster im Hof, der nasse Asphalt, die Scheiben und Dächer der Autos, Bahnen und Busse, stellen die vervielfachte Spiegellandschaft aus, mit der Regen Traum und Reflexion zusammenbringt. Flanieren im Stillstand, ließe sich sagen.

„Städtisches Regenwetter ist in seiner ganzen durchtriebenen Süße und seiner Lockung in die frühe Kindheit sich zurückzuziehen nur dem Kind einer Großstadt verständlich.“ (Benjamin, Frühe Notiz zum Passagenwerk, 1927/29)

Nebel

Warum fasziniert uns Nebel in der Stadt? Nicht nur, weil er dort selten, in der Nähe von Parks, in baumbestandenen Alleen, aufsteigt. Nebel, der verhüllt, offenbart zugleich das Vor-Städtische. Er fragmentarisiert die Stadt und entrückt sie. Die in Wolken schwimmende Kugel des Fernsehturms, betrachtet durch die Nebelbänke irgendeines Friedhofs, gibt das beängstigend perfekte, am Kitsch geschulte Bild.

„Nebel erscheint als Trost des Einsamen. Er erfüllt den Abgrund, der um ihn ist.“ (Benjamin, Passagen)

Staub

Wo sich Dunst mit Abgasen zu Smog verwandelt. Geburt des Kunstworts aus smoke und fog, erstmals benannt in „Fumifugium“, John Evelyns Pamphlet gegen die Luftverschmutzung der Welthauptstadt London im Jahr 1661. Staub, ein Medium der Langeweile, des Müßiggangs, dann des Verfalls. Staub aufwirbeln – die Floskel als Umschreibung kritischen Denkens. Staub, der Aggregatzustand des Chaos. Nähe von Glitzer zu Staub, beide Abnutzungserscheinung. Staub und elektrische Ladung,  Entladung der Sedimente. Im leichten Stromschlag meldet sich das Erinnern, etwas übersehen zu haben: Zusammenhänge. Erst in ausreichend staubgesättigter Atmosphäre strahlt das Abendrot – in der Nähe zum Katastrophischen.

Mythologie

Ein Satz zur Großstadt und wie wir sie leben: „Die Essenz des mythischen Geschehens ist Wiederkehr.“ Benjamin benennt mit Marx auch die Herkunft der Idee: „Der Gedanke der ewigen Wiederkehr kam auf als die Bourgeoisie der bevorstehenden Entwicklung der von ihr ins Werk gesetzten Produktionsordnung nicht mehr ins Auge zu blicken wagte.“ Wir können das als Ahnung kommender Revolutionen des 20. Jahrhunderts lesen, mehr noch der Konterrevolutionen. Die heraufbeschworene Zwangsläufigkeit einer kommunistischen Gesellschaft als finaler Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, die damit den Begriff von Ewigkeit in Beschlag nimmt, kommt aus derselben Furcht. Daher auch die Inanspruchnahme des Utopischen.

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