Fahrradhindernisparcour Berlin

Annett Gröschner

Als ich 1983 nach Berlin zog, nahm ich mein Fahrrad selbstverständlich mit. Ich kam aus einer Fahrradstadt, in der in den 1920er Jahren der Breite Weg, die Hauptverkehrsader der Industriestadt, stundenweise für Fahrräder gesperrt worden war, damit Autos auch mal die Möglichkeit hatten, mehr als Schritt zu fahren. Die Stadt durchzog auch sechzig Jahre später noch ein Netz von Fahrradwegen.

In der Innenstadt von Ostberlin fuhr Anfang der 1980er kaum jemand Fahrrad. Sie war, vor wie hinter der Mauer, wie alle Großstädte der Welt, autotauglich umgebaut worden. Am Alexanderplatz gab es keinen einzigen ebenerdigen Fußgängerüberweg, nur Tunnel. Fahrradwege waren eine Seltenheit oder wegen zu vieler Schlaglöcher unpassierbar. Wenn ich von Prenzlauer Berg zur Humboldt-Universität fuhr, musste ich höllisch aufpassen, nicht von einem Trabi ins Jenseits befördert zu werden. In den Fahrradständern des Hauptgebäudes Unter den Linden standen in meiner Erinnerung nie mehr als zehn Fahrräder. Dabei war auch Berlin, wie alle Industriestädte eine Fahrradstadt gewesen, seit das Rad Ende des 19. Jahrhunderts von einem bourgeoisen Hobby zu einem erschwinglichen Fortbewegungsmittel für Werktätige geworden war. In Berlindokumentationen der 1920er Jahre sieht man Radfahrende wie Heuschreckenschwärme die Straßen überschwemmen. Nach dem Krieg setzte sich das Auto durch. Geklaut wurden Fahrräder allerdings immer. In Berlin habe ich mir abgewöhnt, mein Fahrrad zu lieben. Es ist nur eine Beziehung auf Zeit, wir haben ein siezendes Verhältnis. Geliebte Fahrräder werden nach meiner Erfahrung noch schneller gestohlen als ungeliebte. Man konnte sich damals in Ostberlin die Fahrräder nicht aussuchen, kam eine Lieferung in die Läden, war alles binnen einer Stunde ausverkauft. Brauchte man dringend ein neues, musste man nehmen was kam. Herrenräder gab es öfter, was hieß, dass man bei den selbstgenähten Miniröcken immer einen Reißverschluss einnähen musste, um mit dem Bein über die Stange zu schwingen. Als ich vor mehr als 30 Jahren meiner Fahrradbekanntschaft ankündigte, schwanger zu sein, sagte er: „Scheiße, heute wurde schon mein Rad geklaut.“ Es war absurd, aber es ist so eine Berliner Geschichte a là „gloobste nich, wennde nich dabeijewesen bist“. In der Woche der Geburt des Kindes hat die Polizei das Fahrrad wiedergefunden. Als die Enkelin mit 5 das erste Mal mit dem Fahrrad die Kreuzung an der Schönhauser Allee, Ecke Wichertstraße überquerte, bin ich gestorben vor Angst, sie nicht.

Eine Fahrradstadt ist Berlin noch lange nicht wieder, daran ändern auch die schicken grünen Radstreifen wenig, eher ist sie ein großflächiges Fahrradhindernisparcour. Das liegt nicht nur an den Autos, auch an den Radfahrenden. Morgens zwischen acht und neun treffen Hardcoreradler, deren Outfit eine mittlere vierstellige Summe gekostet hat, auf tiefenentspannte Klapperradfahrer, die auf Hehlerware unterwegs sind und von den Streberinnen und Wichtigtuern angeschnauzt werden, weil sie nicht schnell genug sind, ergo, nicht ausreichend zur Mehrung des Bruttosozialprodukts betragen. Dabei muss uns Radfahrenden bewusst sein, dass jeden von uns an der nächsten Ecke ein LKW beim Rechtsabbiegen erwischen kann, aber natürlich ignorieren wir das. Wir können ja auch von der Leiter fallen und uns eine Gardinenstange in die Lunge spießen. Allerdings könnte Berlin auch LKWs ohne Abbiegeassistenten einfach mal die Einfahrt in die Stadt verweigern.