Die Spartaner waren auch hier

Walter Szevera

17 Städtepartnerschaften pflegt Berlin, aber unter all den Metropolen fehlt eine, die mit Berlin einiges an historischen Parallelen aufweist, nämlich Athen. Sieht man von militärischen Grausamkeiten und finanzpolitischen Härten ab, die in den letzten 80 Jahren wellenartig von Berlin an Athen verübt wurden, haben beide Städte eine bedeutende Gemeinsamkeit, die bisher offenbar übersehen wurde: die attische Antike und die großflächige Zerstörung derselben durch die Spartaner. Denn in Berlin existieren zweierlei Antiken: die der neoklassizistischen Mitte, die in Reiseführern umfassend beschrieben ist und bequem aus den Hop & Drop Bussen besichtigt werden kann, und die mindestens genauso interessante und klandestine im Osten der Stadt. Deren bauliche Manifestationen sind jedoch einer kontinuierlichen Abtragung in der Erinnerung ausgesetzt und einem permanenten finanztechnischen und interpretativen Ver- und Entwertungsprozess ausgeliefert, sofern sie nicht schon abgerissen sind.

Die Idee der Klassik, der Klarheit des Gedankens und dem Demos verpflichtet, wurde durch eine Erzählung im Kalkül der Tourismusindustrie ertränkt – der der angeblichen Coolness der Stadt. Dies geschah in einem Ausmaß, als würde eine fremde Gewalt mit aller Kraft die in Topografie eingeschriebene Geschichte zu planieren versuchen.

Nach den Verwüstungen des 2.Weltkriegs stand im Osten für Jahrzehnte alles zur Verfügung, was sich Architekten wünschen konnten: Brache, Raum und Licht und große Pläne. Die materiellen Zeugen der Hinwendung des preußischen Berlins zur Antike sind unübersehbar, und nur wenige Schritte dahinter wäre für Interessierte das versteckte Athen mit wenig Phantasie leicht auffindbar. Die Fischerinsel zum Beispiel: allein der Name enthält einen Hauch von Piräus und enthebt einen aus der zu Tode kommerzialisierten Mitte. Sieht man von einigen postmodernen Hyperambitionen (gehen Sie mal in die Lobby vom „Living Hotel Großer Kurfürst“ und fühlen die 90er Jahre Siegeratmosphäre unter der Condottiere-Plastik) und den omnipräsenten marktschreierischen Geschäftslogos ab, findet man in den unter der Planung von Henselmann errichteten Hochhausensembles eine attische Klarheit, an der Friedrich David Gilly möglicherweise seine helle Freude gehabt hätte. (Im übrigen, gibt es eine Straße oder Ähnliches in Berlin, dass nach dem revolutionären Schinkel-Lehrer benannt wurde?) Anscheinend unternimmt die Stadt gleichzeitig gewaltige Anstrengungen, um nicht die Aufmerksamkeit von Touristen oder Berlinern auf das zu lenken, was sowas wie Stadtgeschichte bedeutet. Und dass es einmal sowas wie Stadtplanung gab, die in vielen anderen deutschen Städten nur unterm Mikroskop zu finden ist.

Keine Viertelstunde von der Fischerinsel fern, der Alexanderplatz. Nicht nur als Prestigeobjekt des Stadtstaats, auch als Willkommenshafen für Gäste aus aller Welt geplant, versehen mit einem Leuchtturm, einer Magistrale ins Landesinnere und einer Agora für Kunst, Politik und geselliger Zusammenkunft. Nun jedoch ist das Hafenbassin mit Krämerhallen zugemüllt und Billigmarktästhetik aufgerüstet. Die Kais überließ man unersättlichen Gewe(r)betierchen, während die Versammlungshalle der oligarchischen 400, in der das Volk einst ausgelassene Feste gefeiert hatte, kurzerhand geschliffen und durch den neuen Palast der alten Könige ersetzt wurde. Stapft der Wanderer entlang der Gestade des Alex, findet er heute die gleichen Anhäufungen des global gefertigten Plastikmülls wie in vielen anderen griechischen Buchten. Während jener in letzteren von unterbezahlten Reinigungskräften eingesammelt wird, wird er am Alex durch kaufkräftige Touristen erworben um in alle Windrichtungen verbracht zu werden.

Als die Spartaner 404 v.u.Z. nach langen und erbitterten Kriegen Athen einnahmen, schliffen sie als erstes die lange Mauer, nahmen reichlich Tribut und setzten die Herrschaft der sogenannten 30 ein. Immerhin war ihre Herrschaft nicht von langer Dauer, zu sehr waren sie selbst von dem langen Konflikt geschwächt und entkräftet, der Stadtstaat entzog sich langfristig ihrer Kontrolle. Vor allem aber kamen sie nicht mit der Kultur der Athener zurecht, zu hedonistisch, zu intellektuell und zu intrigant. Und bevor ihre größte Angst wahr werden konnte, dass sie nämlich mit der Zeit auch zu Athenern würden, zogen sie sich zurück und beobachteten die Entwicklungen kopfschüttelnd aus großer Distanz. Spaziert man planlos durch die zuvor beschriebenen Stadtteile und nimmt sich die Zeit für eine ausgedehnte Besichtigung, beschleicht einen das Gefühl, dass es die Spartaner 2400 Jahre später auch bis Berlin geschafft haben. Immerhin tröstend für die Athener: die Pracht, die Erinnerung und die Konzepte ihrer Stadt blieben erhalten. Sparta hingegen, die Stadt der Sieger, endete kärglich als Tabula rasa.


Walter Szevera ist Historiker und Soziologe, lebt in Wien und ist Medienkurator am Technischen Museum ebendort