Modell Berlin

Matthäikirchplatz | 10785 Berlin

Die Kirche ist ab 11 Uhr geöffnet

Die Besucherzahl wird durch die Abstandsregeln begrenzt. Zwischen 11 und 18 Uhr ist der Besuch in der Kirche auf 70 Personen limitiert. Für Abendveranstaltungen und den Besuch des Literaturtags „Paradies Berlin“ am 26.9. wird um Anmeldung unter modell@modellberlin.com gebeten. Wir bitten angesichts der coronaren Umstände um Nachsicht, Geduld und Verständnis…

Donnerstag

24.09.2020

17 Uhr „Kammermusik für eine grosse Stadt“
Konzert: Karajan Akademie der Berliner Philharmoniker

19 Uhr „Berlin, Boden und  Besitz“
Vortrag: Angelika Hinterbrandner / Brandlhuber+ Team

Anmeldung

Samstag

26.09.2020

12-24 Uhr  Literaturtag „Paradies Berlin“
Buchvorstellungen, Lesungen, Gespräche mit den Verlagen Matthes & Seitz,Das Kulturelle Gedächtnis, Galiani, Verbrecher sowieFlaneur Magazine, Die Epilog und Gästen

Anmeldung

Sonntag

27.09.2020

18 Uhr  „Freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen!“

Liturgie: Pfarrer Hannes Langbein

Kanzelrede: Marcus Steinweg

Vortrag: Susanne Hauser, Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung der UdK Berlin

Anmeldung

Foto: Franziska Hauser

100 Jahre nach der Gründung Groß-Berlins stellen wir Autoren, Künstlern, Wissenschaftlern, Kritikern und uns die Frage, wie wir heute in der Hauptstadt leben: Wie kommen wir in ihr zurecht, wie kommt die Stadt mit uns zurecht? Was macht Städtebewohner zu Hauptstädtern – was tragen wir zur Hauptstadt bei?

Zur Beantwortung dieser Frage orientieren wir uns an Walter Benjamin: «Jede Gegenwart ist durch diejenigen Bilder bestimmt, die mit ihr synchronistisch sind: jedes Jetzt ist das Jetzt einer bestimmten Erkennbarkeit. In ihm ist die Wahrheit mit Zeit bis zum Zerspringen geladen. […] Nicht so ist es, daß das Vergangene sein Licht auf das Gegenwärtige oder das Gegenwärtige sein Licht auf das Vergangne wirft, sondern Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt.» Dieses Bild wollen wir als Bestandsaufnahme festhalten, die Grundlage für die Arbeit an der Zukunft ist.

 

Wir sprechen Autoren aller Kunstrichtungen, wir sprechen Journalisten, Soziologen, Architekten, Pädagogen und Naturwissenschaftler aus Moskau, Wien, Prag, Paris, New York, Peking, Taipeh, Istanbul, Kairo, London, Rom, Athen … und natürlich aus Berlin an. Wir richten den Blick auf zivilisationsgeschichtlich relevante Metropolen und wollen den Blick aus ihrer Perspektive auf uns kennenlernen. Kurz, wir suchen Antwort auf die Frage: «Was ist so groß an Groß-Berlin?»

 

In Bezug auf Benjamins «Passagen» will MODELL BERLIN der Hauptstadt ein Passagen-Werk geben. Benjamins Arbeit, ursprünglich als Essay zum Thema «Paris, Hauptstadt des 19. Jahrhunderts» angelegt, wuchs zum fulminanten Gedächtnisspeicher, zum lebhaft-lebendigen Archiv, das aus den Quellen von Literatur, Reportage und Statistik, durch seine in der Form der Sammlung angelegte cut-up-Technik  Grundlagen für eine neue Geschichtsphilosophie schuf.

 

Alle Kultur ist Erzählung und Berlin erzählt. Als  Hauptstadt kultureller Produktion ist sie eine der anziehungsstärksten weltweit; damit, und als Resultat der jüngeren Geschichte, auch Hauptstadt der Reflexion. So lesen wir das Bild der Stadt Berlin.

 

Die Eruptionen zweier Weltkriege, der Teilung der Stadt, des Mauerfalls und des  Zustroms an Menschen, Ideen, Projekten, haben Berlin ein beinahe mythisches Bild verliehen.

Kaum überschaubare neue Strukturen sind entstanden, und bevor sie sich durchsetzen, sind die alten nicht verschwunden. Um sich dem Leim der Überlagerung zu entziehen, beschleunigt die ohnehin beschleunigte Gegenwart die kulturelle Produktion noch mehr. Unanpassbare Nuancen, Zwischenräume, Freiräume verschwinden. Wir wollen ihnen nachgehen und sie in der Geschichte aufs Neue freiräumen.

 

Nach 1918 stand Berlin am Scheideweg, die Stadtentwicklung lahmte der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. Sie war zersplittert und vielstädtisch blockiert. Die Formung von 94 Stadt- und Landgemeinden und Dörfern zu 20 großstädtischen Bezirken war Voraussetzung für die sprunghaft wachsende Metropole, die von der preußischen Hauptstadt zur Hauptstadt des Kaiserreichs und der Weimarer Republik geworden war. Erst die Agglomeration der Gemeinden, Bezirke und Dörfer führte zur Genese einer Großstadt mit enormen Synergieeffekten. Landbevölkerung traf unmittelbar auf Proletariat, auf Intellektuelle und Künstler, Traditionen und kulturelle Prägungen prallten aufeinander und führten, befeuert vom Katalysator  technischer Neuerungen und sozialen Reformen, zu ungeheurer Beschleunigung in allen Lebensbereichen.

 

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall und der Osmose beider Stadthälften, im Zug der gesellschaftlichen Entwicklung, der internationalen Krisen und Migrationswellen, steht Berlin erneut an einem Scheideweg. Konturen verrutschen, Grenzen überlagern sich, die Stadt dehnt sich aus. Das bis 1990 von Brachen und unbebauten Passagen geprägte Bild vor allem Ost-Berlins existiert nicht mehr. Diese Brachen waren Freiräume, die zuerst die Kunst für sich urbar machte. Die Brache bildet den Bruch in der Geschichte ab, sie ist ein Ort der Utopie, Modell für Projektionen in die Zukunft.