Tag 104

Baracke Berlin. Tag der Vielheit //

Dass in verschiedensten Betrachtungen Berlins immer wieder die Verwaltung im Vordergrund steht und im Vordergrund der Betrachtung der Verwaltung die Probleme mit ihr, hat weniger mit ihrer Dysfunktionalität zu tun als mit dem perversen Interesse der Deutschen an der Verwaltung. Der Bürokratie.

Darin ist der Konflikt zwischen der preußisch geprägten, verästelten Bürokratie und der Hauptstadt der Einwanderung und Vielvölkerschaft zu sehen, als die sich Berlin noch immer nicht begriffen hat. Die Bürokratie der Verwaltung kommt mit dem Zustrom von Menschenmaterial (Mensch + Material = Daten) nicht unbedingt schlecht zurecht. Womit sie nicht zurecht kommt, ist die andauernde Bewegung, der eigentlich antiurbane Charakter des Nomadischen, das Camp in der DNA der Stadt.

Zur DNA, die mit der Reichsgründung 1871 und dem damit einhergehenden die Gründerzeit auslösenden Wirtschaftsboom extremer Prägung unterworfen war, gehört der Freistaat Barackia, eine Enklave der Autonomie in der Stadt, die bis heute nachwirkt. Trotz ihrer marginalen Verortung in der Stadtgeschichte. Barackia am Kottbusser Tor und das Lenné-Dreieck* sind Siedlungen des Widerständigen, die in einer Linie stehen mit dem umstrittenen Wohnprojekt in der Rigaer Straße. Was seltsamerweise alle eint, ist die Anziehungskraft für Touristen, das urkapitalistische Verwertungsmodell.

„Der destruktive Charakter hat das Bewußtsein des historischen Menschen, dessen Grundaffekt ein unbezwingliches Mißtrauen in den Gang der Dinge und die Bereitwilligkeit ist, mit der er jederzeit davon Notiz nimmt, daß alles schief gehen kann. Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, da sieht er einen Weg.“ Und Benjamin vergisst die historisch bedingte, entscheidende, kausal abgeleitete Fußnote nicht: „Daher ist der destruktive Charakter die Zuverlässigkeit selbst.“

In dieser dialektischen Spannweite geht der echte Berliner wie der nicht unbedingt wohlriechende Atem der Geschichte durch Berlin, und er scheut nicht einmal das generische Maskulinum. Ganz einfach, weil er es nicht kennt.

Wer hier angekommen ist, will nicht unbedingt bleiben. Wer hier bleiben will, kam nicht unbedingt an. Gelegenheit, am Tag der Einheit, noch einmal an ihre Grundlagen zu erinnern, siehe Selbstbehauptungsgesetz, Artikel 1: „Berlin kannste nich erobern. In Berlin kannste dir höchstens behaupten.“ Das Gesetz muss dringend fortgeschrieben werden. Artikel 11, Autor Alfred Döblin, heißt: „Laß dir nicht verblüffen.“ Fehlen also neun Artikel, Gebote oder Paragraphen mindestens.

Die Verwaltung dieser Stadt, der Querschnitt aus Regierung und Bürokratie, sträubt sich permanent gegen das, was Bertolt Brecht ihr am Silvesterabend 1928 auf das dicke Fell geschrieben hat: „Meine Freunde und ich wünschen dieser großen und lebendigen Stadt, daß ihre Intelligenz, ihre Tapferkeit und ihr schlechtes Gedächtnis, also ihre revolutionärsten Eigenschaften, gesund bleiben.“

Der klügere Walter Benjamin ergänzt – handschriftlich 1931 und erst posthum 1972 publiziert – den destruktiven Charakter, der hier als berlinisch gesetzt ist: „Er ist im Indifferenzpunkt: sein Dasein ist Schöpfung, sein Tun Zerstörung.“ Gute Nacht.

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