Tag 97

Rutschteleskop // Laterna Magica //

Das Adlergestell ist die längste Straße Berlins. Die Eiergasse im Nikolaiviertel die kürzeste. Die Gasse geht über 16 Meter; die Straße ist achthundertmal so lang.

Zwischen dem über 13 Kilometer gestrecktem Adlergestell – der ersten Stadtautobahn Ostberlins, die aus der DDR-Hauptstadt durch die bis 1971 von Militär bewachte Stadtgrenze ins Brandenburgische (Bezirk Potsdam) führte, die Protokollstrecke war für alle am Flughafen Schönefeld eintreffenden Generalsekretäre des Ostblocks, die an uns winkenden Adlershofer Jungpionieren vorbeischaukelten und manchmal -rasten – zwischen dem Adlergestell und der Waldstraße, wurde im Zug der Bebauung der 1920er Jahre der Abschnitt zwischen Adlergestell und Genossenschaftsstraße in Silberberger Straße umbenannt.

In den 1950er Jahren wurde ein Kindergarten-Schulkomplex dazwischengeschoben, ließ die Silberberger auf knappe 300 Meter schrumpfen und auf die Florian-Geyer-Straße am östlichen Ende stoßen.

Dort, wo geradeaus nicht länger möglich war, kamen zwei Häuserblöcke beidseits der Straße dazu. Sie waren klein, sie waren neu, Kachelöfen, Speisekammer, Einbauküche, Buddelkasten auf dem Hof, sie wurden bezogen von jungen Familien, die um 1960 in den umliegenden Fabriken, im Kabelwerk, im Fernsehen oder in der Akademie (der Wissenschaften) arbeiteten. Die meisten kamen mit Kindern oder die Kinder kamen unmittelbar hinterher. In den Sträuchern, die zwischen den Hauseingängen unter den Fenstern wuchsen, stand ein Pfirsichbaum, der trug – ich hab es selbst gesehen – grüne Früchte.

An der Kreuzung zur Volkswohlstraße, in deren Nummer 91 Georgi Dimitroff als bulgarischer exilierter Parteifunktionär wohnte und mit der nach ihm benannten These den Faschismus aus marxistisch-leninistischer Perspektive an die Wand nagelte, bevor er 1933 als „Reichstagsbrandstifter“ verhaftet wurde und den nachfolgenden Prozess in Leipzig zur Weltsensation und letztem Triumph der Kommunistischen Bewegung bis 1945 machte … an der Kreuzung, wo man als Kind bei „Obst & Gemüse“ saure Gurken aus dem Fass stehlen konnte, bevor man einen immer noch essbaren Apfel nachgeschmissen bekam … in der Straße, in der Anna Seghers, zurück aus ihrem Exil, im vierten Stock in Nummer 81 gelebt, gewohnt, gearbeitet hat, und auf die Kinder im Hof fluchte und die meckernden Ziegen, die Schumanski, der Händler der vier Jahreszeiten in einem Brettergehege dort zog … an der Kreuzung zur Silberbergerstraße konnte man auf eingefassten Hochbeeten sitzen und den Zugverkehr zwischen Grünau und Schöneweide beobachten oder, viel besser noch, die Gaslaternen besteigen und in die Fenster der unteren Etagen blinzeln. Als Kind.

Die Volkswohlstraße heißt inzwischen Anna-Seghers-, die Silberberger ist die Silberberger immer noch. Eigentlich müsste sie Srebrna-Góra-Straße heißen, die namensgebende Stadt liegt 70 Kilometer südlich vom Internationalen Flughafen Wroclaw. Das wusste ich damals nicht, als ich sie von oben ansah, die Straße meiner Herkunft. Silberberge hatten nur Märchen. Ich weiß aber noch, dass ich von oben, unterm Aufsatz der Lampe am Pfahl klammernd, ziemlich weit, bis nach Polen mindestens sehen konnte. Eigentlich ganz normal für eine Stadtrandexistenz.

Über das dämonische Berlin zu schreiben, wie E.T.A. Hoffmann es sah, wie sich Walter Benjamin erinnert und Dimitroff es erlebte, ist heute schon deswegen unmöglich, weil wir der Dunkelheit entbehren; sie ist eben futsch. Alles leuchtet, nichts, abgesehen vom Moralischen, ist finster. Die Laterne ist Laterne, nichts als Laterne, ein Straßenmöbel, das in der magischen Ausführung längst nicht mehr existiert. Die Petrol- und Gasbeleuchtungen, die mit Beginn des 19. Jahrhunderts aufkamen, sind verschwunden. 25.000 mit Gas betriebene sollen in Berlin noch stehen, das sind 10 % von allen die Stadt durchleuchtenden Laternen.

***

Es ist nicht schwer, die Straßenlaterne als passagenbildend anzusehen. Sie zieht als zweite Ebene die des künstlichen Lichts in den Straßenraum ein. Tagsüber bilden die Kolonnen der verschiedenen Laternentypen neben dem Spalier der Bäume ein vertikal ausgerichtetes Pendant zur Straße. Nach Sonnenuntergang legen sie das räumliche Band aus, dass die Straßen – die Nebenstraßen – mehr verhüllt als bestrahlt.

In Berlin bekam die Laterne mit der Mauer erhabene Bedeutung. Am Betonvorhang war man immer gut bestrahlt, ostseits vor allem. Als Peitschenmast leuchtete sie das östliche Vorland aus, um Fluchtversuche aufzudecken und das Schussfeld klarzumachen. Beidseits der Mauer – im umschlungenen Freien Berlin und im weniger freien demokratisch, hauptstädtischem – säumten dieselben Laternentypen in unterschiedlicher Bauform die aufpolierten Straßen. Wo immer man vom dämonischen Berlin spricht, soll man vom doppelten Berlin zu sprechen nicht vergessen.

Entlang der dunkelgrün gestrichenen gusseisernen Laternenpfähle vom Baujahr 1920, die die Straßen meiner Kindheit skalierten, sahen wir nachts bis zum Mond der Raketenspur nach, die damals durch unsere Träume fuhr, nach. Wir waren zu viert und rannten den Laternenanzündern hinterher.

Wir kletterten über die den Pfahl alle halbe Meter beringenden „Bündel“ nach oben und sahen durch die Glasglocke wie durch ein verkehrtes Teleskop die Welt an, bis der Anzünder kam.

Der kam um 1970 noch, in Personalunion war er Putzer und Monteur, mit einer schmalen Steigleiter und dem langen Haken, die er beide über der Schulter trug, auf einem Motorroller angefahren. Er zog mit dem Haken die aus der Haube hängende Öse, das Gas strömte und der Funke sprang. Er regulierte, wenn es nötig war, die Flamme, stieg aufs „Krad“ und fuhr zur nächsten Laterne.

Sobald er um die Kurve bog, stiegen wir die Laterne hoch und zogen an den Ösen, die aus der Haube hingen. Es waren zwei, on-off-Prinzip, die gute, und, wie wir lernten, böse Öse: an und aus.

Was dann kam, wurde einer meiner tiefsten Schrecks. Ich saß auf dem obersten Bündel, zog am Ring, den wir alle für „aus“ hielten – der aber nicht die Flamme abwürgte, dafür das Scharnier öffnete, in dem die Glashaube befestigt war, und ihr Abkippen auslöste.

Der Schreck und die Erwartung des splitternden Glases trafen mich so, dass ich die Hände losließ und vom Mast rutschte. Über die Bündel, schmerzhaft, eins nach dem andern. Aber es fiel nichts, zersprang nichts, es schepperte nur, gab einen hallenden Gong und sich öffnende Fenster und schimpfende Leute. Und ein blau-geschwollenes Geschlechtsteil zwei Tage lang.

Nach Meinung Benjamins fing mit Eisen als „erstem künstlichen Baustoff“ alles an, was Stadt als Großstadt angeht. Man ging in Kopf-im-Nacken-Haltung durch die Straßen, staunend. Auf Gusseisen sei die Metropole der Moderne gebaut; er sprach von Paris. Adorno widersprach und hob den Ziegelstein hoch.

Sicher kam das Eisen später als der Ziegel, aber erst das Eisen definiert die große Stadt. Und nach Jahrhunderten, nachdem das Öl der Wale, dann das Gas und dann der Strom das Licht der Leuchter und Laternen sich zwischen uns und den Himmel schob, bekam das den Himmel absuchende Staunen, eine andre, technische, suchende, sich unsrer Endlichkeit mehr und mehr bewusste Geste.

Die Anfänge des Eisenbaus, die Benjamin im Passagen-Exposé als „Technik […] zur Erneuerung der Baukunst im altgriechischen Sinne“ sah, ein metropolitanes Athen im Paris des 19. Jahrhunderts, entwickelten eine sich selber durch-und-durch-durchdringende Dialektik. Die renaissancehaft entworfene Ornamentik, die in Trägerformen in die urbane Architektur einzog, und in Eisen elastischer, belastbarer und höher wuchs als aller Bau zuvor, die zudem industriell gefertigt werden konnte, inspirierte die nachfolgende Periode von Jugendstil und Art Déco, die die Ornamentik zurück in die Inneneinrichtung, bürgerliche Stube, ins Büro, in Garderobe und auf 2D ins Plakat brachten.

Dass die angeschlossenen Industrien – Erz- und Kohleförderung und später Öl, Verhüttung, Walzwerke, Formgießereien, Kunststoffproduktion – zur Vernichtung der klimatischen Konstellationen führen würden, die das alles erst ermöglicht hatten, war da noch nicht abzusehen.

Benjamin fasst das mit Bezug auf Ibsens „Baumeister Solneß“ in einem Satz zusammen: „Der Versuch des Individuums, auf Grund seiner Innerlichkeit mit der Technik es aufzunehmen, führt zu seinem Untergang.“ Ich hatte es, profan, erlebt. Als Kind.

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