Tag 95

Mexiko oder: Benjamin, Baudelaire, Berlin und die Friedhöfe //

Benjamin zitiert in den Aufzeichnungen zum Passagenwerk in der Notiz „Baudelaire und die Friedhöfe“ einen kurzen Text aus François Porchés „Schmerzhaftem Leben Baudelaires“ (« La vie douloureuse de Charles Baudelaire », 1926). Baudelaire, mit den Nahtoderfahrungen des großstädtischen Lebens auf dessen dunkler Seite vertraute, sieht – so sieht es Porché – hinter sich auftürmenden Häusermeer der ersten Hauptstadt der Moderne in den Friedhöfen die kleineren Städte.

Und auch schon damals, als Baudelaire die „Künstlichen Paradiese“ aufsuchte und beschrieb, um 1860, scheint die Ahnung auf, dass diese kleineren Städte vielleicht die größeren sind, viel – viel – größer als in Wirklichkeit

Die Ahnung, dass sie nicht nur größer „als in Wirklichkeit, sondern bevölkert von anderer Wirklichkeit sind, trägt jeder mit sich, der auf einen Friedhof geht. Heute sowieso. Heute, da sich auch das strenge Reglement der preußisch-, zumeist protestantisch geprägten Tradition der Grabanlagen endlich („endlich“) auflöst, sowieso. Das Einzelgrab kommt aus der Mode, klimatechnisch sowieso, pietistisch ist der Grabspruch erledigt.

Porché sah mit Baudelaire an den Orten, an denen sich die Menschenmenge durch die Großstadt wälzt, über Plätze, Boulevards, die alten Beinhäuser, « les anciens ossuaires », die eingeebnet sind, verschluckt von den Wellen der Zeit mit ihren Toten, wie die dunklen Schiffe mit ihren Mannschaften …

Baudelaire sah die Kneipe am Friedhofszaun und den Schießstand daneben. Im „Spleen von Paris“ lässt er einen Toten zum angetrunkenen Flaneur, der auf den Gräbern Pause macht, während er den Schützen zusieht – klar – von der Sinnlosigkeit alles Irdischen sprechen. „Wenn ihr wüsstet, wie leicht das Ziel zu treffen, wie Nichts alles ist, außer dem Tod, ihr würdet nicht so verbissen herumballern und den Schlaf derer, die längst in s Schwarze trafen, stören.“ Sinngemäß.

Auf den Gedanken bringt der rote Kuss am Friedrichshain, den das Corona-Sofa vorm Zaun des Friedhofs I. der Georgen-Parochialgemeinde an der Greifswalder Straße bildet; vorwärts und auf uns gedacht, nichts andres als ein Plädoyer für die Integrierung der Friedhöfe und ortsgebundenen Trauerarbeit ins tägliche Leben. Mehr mexikanisch.

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