Tag 91

Lesung, Auslese. Mapping the city. Weißes Band, passiv/

Lesen wir die Stadt historisch – aus der Geschichte heraus, lesen wir aus, legen wir frei – sehen wir nicht nur, wie sich ihre „Fassade“ verändert. Wir sehen das Auftreten, das Verschwinden von Phänomenen in Sprache, Literatur, Theater, Mode, Umwelt, sozialen Beziehungen.

Über semantische Analysen können wir einen Stadtplan erstellen, auf dem wir die vertikale (historisch-retrospektive) und horizontale (gegenwärtig-synchrone) Entwicklung der Stadt markieren. Ein solcher Plan wäre zum Beispiel ein Diagramm, die Kästen gefüllt mit Informationen, die wir unserer Systematik entsprechend miteinander verbinden. In den Kästen wohnen Informationen als Text, als Bild, als Ton.

Sprechendes Beispiel einer Stadttextur ist das WEISSE BAND das sich nach dem Mauerfall über die Erdgeschosse der Ostberliner Innenstadt zog, durch die Jahre 1990-91-92, in der Horizontalen, breit, einladend, manchmal bis zum zweiten Stock. Leerstehende oder als Wohnungen genutzte Läden wurden von Zuziehenden aus dem Westen in Besitz genommen. Als Abbild politischer Umwälzung und materieller Umverteilung war das als Tünche aufgetragene, oft auch einfach nur weiß beklebte Band zugleich Wandzeitung zwecks Bekanntgabe neuer Eigentumsverhältnisse und Serviceangebote unterschiedlichster Art, von Kopieranstalt bis Bankfiliale und Erotikshop.

Das sich nur zwei knappe Jahre haltende Band war bald überzogen von allen zukunftsverheißenden Farben dieser Welt, der uns damals in voller Kraft aufgehenden gnadenlosen Sonne der Reklame; heute nur eine Facette noch im Spektrum des Farbbands der Stadt, jeder Stadt. Ein Flügelschlag im abfallenden Hintergrund der Geschichte.

Benjamin zitiert im Passagenwerk in Abschnitt X – Marx denselben: „Nicht nur der Reichtum, auch die Armut des Menschen erhält gleichmäßig – unter Voraussetzung des Sozialismus – eine menschliche und daher gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist das positive Band, welches dem Menschen den größten Reichtum, den anderen Menschen als Bedürfnis empfinden läßt.“ (Karl Marx, Nationalökonomie und Philosophie.)

 

Benjamin zitiert falsch. bei Marx heißt es: „das passive Band“. Vielleicht trägt der ursprüngliche Titel der Arbeit, aus der Benjamin zitiert, Schuld: „Pariser Manuskripte“, später bekannt als „Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844“. Paris, die Hauptstadt der Passagen und der Moderne, die für Benjamin wenigstens als Untersuchungsgegenstand Arbeit, wenn auch kein Auskommen bot. Er blieb arm und band sich positiv an.

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