Tag 9/9

© Just Loomis

Passage/Passanten, Handlinien der Stadt. ChicagoLosAngelesNewYorkParis //

Just Loomis fährt im Amtrak Train von Burlington/Iowa nach Downtown Los Angeles und schickt aus dem Zug ein Foto einer anderen Bahn, aus Chicago. Das Gleisbett zwischen vermutlich leeren Blocks verlegt. Die Fronten folgen ziegeldunkelrot den in der Kurve verlegten Gleisen, sie neigen sich mit ihnen.

Hier, so sieht es aus, wohnt niemand mehr, arbeitet, falls es Fabrikgebäude sind, niemand mehr.

Verlassen, leer, ganz Leere, bildet die Passage unterm graublaubewölkten Horizont sich als passantenlose Fahrt in ein Nirgendwo ab, wenigstens für den Blick der Betrachter.

Wir wissen nicht was nach der Kurve kommt, vielleicht ein Horizont, von Wolkenkratzern verhängt. Chicago, in Konkurrenz zu New York, ist eine vertikale Stadt und war die erste dieser Art. Auch Los Angels hat es versucht, und bleiben lassen. Zu verbebt an der Küste, die Stadt steht auf einem der Äste der San-Andreas-Verwerfung, die ganz Kalifornien durchzieht. „Los Angeles is just New York lying down“ – zitiert Kenneth Goldsmith die Stadt in CAPITAL, seinem Buch von New York. Auch New York weist Passagen der Leere aus, von denen jede ihre Zeit lang ein Ground Zero ist.

Null und Leere sind von gnadenloser Vollkommenheit, sagt Marcus Steinweg: „Derart vollkommen, dass sie weder als Gegenstand der Trostlosigkeit noch der Hoffnung taugen.“

Ground Zero ist ein Bombenbegriff, die Leere füllt ihn aus. Die Leere ist kein „Gegenstand von irgendwas dazwischen“, die metaphysische Leere, von der der Philosoph spricht, ist „vollkommen“. Sie wartet auf nichts, nicht auf Passanten oder Bebauung wie eine Passage. Die Vollkommenheit der Leere macht sie zum höchstkarätigen Diamant des Daseins, sie ist das Prisma der Unendlichkeit. Wissenschaftlich ausgedrückt: „Die Null, das Nichts, die Leere […] weisen ins Hier-und-Jetzt transzendenzloser Immanenz, indem sie die Löchrigkeit der Immanenztextur markieren.“

Die Markierung der Löchrigkeit der Immanenzstruktur … man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, um zu verstehen, dass es sich her um reimlose Metrik handelt: um konkrete Poesie.

SHUNT steht auf den Schildern beidseits der Gleise in vertikal ausgerichteter Schrift, was auf die Möglichkeit des Rangierens oder Umsteigens hinweist. Es sieht nicht aus, als ob das hier noch jemand täte. Der Ort stellt vielmehr eine Einladung an die Natur dar, sich das zurückzuholen, was ihr hier versiegelt wurde. Wir sehen das Gras wachsen, im Hintergrund auch jenseits der Gleise.

SHUNT meint einen Abzweig nach woandershin. Falls ein Woanders existiert. Natura abhorret vacuum – die Leere ist der Horror der Natur, sagt Aristoteles, das ist die Weisheit der Städte, wenn sie vergehen.

Es könnte überall sein, aber es ist in Chicago. Was weiß ich von Chicago? Es ist ein Buch, ein Bilderbuchchicago, Synonym für Verdrängung, mehr als irgendwo sonst. Das erste Hochhaus der Welt wurde hier aufgesetzt, 1885, 10 Stockwerke hoch. Eine Postkarte mit dem Monument von Goethe, “master mind of German people”, vor zwanzig Jahren bekommen, liegt im Schrank. Brechts Chicago mit Jae Fleischhacker und Johanna aus den Schlachthöfen von Upton Sinclair steht im Regal, BRENNENDES INFERNO mit Steve McQueen als Feuerwehrmann im Kino CAPITOL in Adlershof als Kind im 80. Stockwerk gesehen, Tony Curtis, Jack Lemmon in SOME LIKE IT HOT mit Marilyn im Fernseher … ein Chicago vom Hörensehn aus zweiter, dritter, vierter Hand sortiert.

Chicago? Ein Sehnsuchtsmotiv. Und der Blues, Chicago Blues, der elektrische, Chicago Blues!

Dann gab es auch ein Kartenspiel, ultrabrutal, wir spielten es in den Pausen in der Schule. Ein Spieler schlug dem andern mit dem Kartenblock so lange auf die Knöchel der zur Faust geballten Hand, bis das Blut sprang. Das war Chicago. Die Hand …

… als Bild der Stadt. Von den Handlinien der Stadt sehen wir hier eine, kein Flaneur hat sie gezogen. Hier zieht niemand mehr irgendwas, keine Lok keinen Zug. Hier wurde ausgezogen. THE LINES OF MY HAND heißt ein Band mit Fotografien von Robert Frank. Sie zeigen Menschen, Gliedmaßen, Hände, Gesichter als Signatur der großen Stadt. Handlinien der Städte sind unterschiedlich angelegt, bei allen aber sind es: viele. Wer viele Linien hat, der ist nervös; ein Hautarzt sagte mal, „der hat viel Traffic“. Ich würde gern die Handlinien von Just Loomis sehn, der sich in AS WE ARE durch die Staaten fotografiert hat, seine AMERICANS.

New York hat diese spielfeldartige Anlage, das Roulettetisch-Tableau, andere Städte haben Ringe, Scheiben, Viertel und sonst geometrisch angelegte Zonen, von oben oder vom Plan her besehen. Eine Karte von Chicago (1857) zeigt, was der Blick in einen Setzkasten zeigt: systemische Analphabetik. Eine Planstadt aus Bleistift gezogen über Land, Geschichte, Leben der Leute, die in der Abenteurerklassik Rothäute heißen. Ihr Land liegt immer noch unterm Beton, wie unterm Pflaster von Paris der Strand der Kolonien liegt, die Wüste.

SHUNT entspricht in etwa dem, was bei der Reichsbahn WÜST war, WÜST ANFANG und WÜST ENDE. Es soll noch immer in Gebrauch sein, zur Deutschen wie zu jeder Bahn gehören, die sich über Schienen abseits der Straßenbahn bewegt. Ungebildet Reisende mussten wüste Gegend vermuten, irgendein WASTE LAND nach T. S. Eliot (der in Fachkreisen als TSE rangiert). Meine Mutter, die mich, wenn wir im D-Zug nach beispielsweise Süden fuhren, vor dem Bahnhof von beispielsweise Gera (Thüringen) auf die schwarz emaillierten Schilder hinwies, ging von der Annahme aus, dass hier ein Ort mal war – Wüstefelde oder ähnlich. Wagenübergabestelle war aber gemeint. WÜST heißt vor allem andern: hier ist keine Stadt.

In das von der Leere durchdrungene Bild lässt sich ein Foto des ersten Flaneurs der Großstadt montieren: Charles Baudelaire aus dem Paris von 1860. Er, der Chicago nie gesehen hat, und den wir auf Fotos von Nadar oder Carjat meist im Mantel sehen, der ihn wie ein Kittel, wie Berufsbekleidung umhüllt, würde wie der untote Passant über die mit Betonplatten ausgelegte Überführung gehen, auf der Plattform, die bis gestern Haltestelle war, wo sie sich trafen, Hunderte täglich mit der Bahn abfuhren oder kamen. Hier steigt der Flaneur aus dem Foto, ein Schatten.

«La vie sur le chemin de fer, vous le voyez: c’est terminée.»

Schlagwörter: