Tag 70

“As good as ads get”

Eine höhere Stufe der Akkumulation nach Marx seit Pop verkörpert die Werbung, und eine noch höhere Stufe die Verschmelzung der Werbung mit Pop. Nicht mehr neu, nein, aber immer noch deutlichst sichtbare Abbildung des Vorgangs, appetitlich ausgestellte Ideologie.

 

Der Erfolg von Apple besteht genau darin: Produktionskraft, Werbung und Design (Objekt) sind derart verschmolzen in eins, dass man sich nicht mehr damit auseinandersetzt oder den Computer der Firma, ob Standrechner, Armbanduhr oder Telefon (die das alles ja nicht mehr im einzelnen sind, sondern im Komplex viel mehr), als Lehrmittel in Sachen postkapitalistischer Wirtschaftstheorie nutzt.

 

Werbung selbst als object anzustrahlen und als Ware, die für Waren wirbt, propagandistisch in den Kreislauf zu speisen, als Fetisch im günstigsten Fall, als Kunstwerk am teuersten, hat nicht nur eine eigene Ästhetik kreiert, sondern auch deren Theorie. Sie schreibt sich täglich fort und ist als Gratis-Zeitung unerlässliche Lektüre.

Der Kreislauf fängt bei „Umstandsmode“ an, setzt sich im Kinderwagen fort und hört beim Spielzeug, das in Latexvarianten vom Schnuller bis zum Dildo reicht, nicht auf. Hier gilt keine Grenze: Sportartikel, Kleidung jeder Art, Waffen, für den einzelnen oder zur Massenvernichtung, medizinisches Instrumentarium, Bundesverdienstkreuze ,Urnen und Särge, Lebensmittel sowieso … Dass das alles meist aus China kommt und gelegentlich auch toxisch ist, macht nichts besser, nur absurder.

„Sieht geil aus, muss ich haben“, weiß jeder in sich selbst, und wenn er Kinder hat, von denen. Es ist nicht Sucht und nicht Krankheit, nur Indiz, dass man selbst zur Verwertungskette gehört. Und niemand, der nicht dazu gehört. Dass der Nachbau von Thoreaus Hütte am Walden Pond nationales Heiligtum im Land der größten Volkswirtschaft ist, zeigt, dass es keinen Ausweg gibt. Kein Fluchtpunkt, kein Widerstand, als: Reflexion. Denken. („Verzicht als höchster Genuss“ gilt hier nicht.)

Ein Giebel in der Greifswalder Straße hält seit zwei drei Jahren als Schultafel her. Derzeit der Kopf eines Schwarzen, ein junger Atlas, der den Erdball trägt, er sieht einem Basketball ähnlich, weil Atlas für Klamotten wirbt. Auf seiner Schulter hockt tagsüber ein kleiner weißer Berliner, der für Farbechtheit sorgt. Ein Scherenlift hebt ihn bis Traufhöhe, wo seit kurzem auch „Hugo Boss“ in 3-D-Lettern steht. Unten fummeln Elektriker an der Projektion, die ein Beamer demnächst auf den QR-Code wirft, der soll auch nachts zu scannen sein.

Als Kind fand ich im Kleiderschrank meiner Großmutter eine interessante Jacke, in der im Kragen eingewebt derselbe Name stand. Die Jacke passte, ich war zehn, elf Jahre alt. Sie war dunkelblau gefärbt, eigentlich aber braun gewesen, wie sie alle in der Hitlerjugend trugen. Ich verstand den Zusammenhang des altertümlichen „Hugo“ mit dem englischen „Boss“ nicht. Dass ich die Jacke auf keinen Fall tragen durfte, weil sie eine Nazijacke war, war aber klar. Sie wurde weggeschmissen, ich vergaß sie.

Die Hugo Boss AG zählt modebranchenmäßig zu den global playern, mit 3 Milliarden Euro Umsatz jährlich nach Zahlen, und, man kommt nicht dran vorbei, an Accessoires ohnehin. Die Zahl an Raubkopien der Marke im asiatischen und afrikanischen Raum ist hoch wie die von Adidas oder Nike oder Dior. Der schwarze Atlas, der jetzt an der Greifswalder Straße für die Sportlinie „BOSSx Russell Athletic“ wirbt, eröffnet im Zustand der Montage mit seinem kleinen Weißen, der die Kontinente auf dem Globus putzt, ein schräges Bild zur Kolonialismusdebatte, einen popkonsumistisch-kritischen Kommentar zu Black Lives Matter mithin. Niemand hat mehr schwarze Uniformen aufgelegt als Hugo Boss.

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