Tag 7

Heute haben wir auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde gefroren. Mit uns fror Walter Benjamin, dessen zerfledderte curacao-blaue Reclam-Ausgabe, Leipzig 1984, ein paar Seiten im Wind lassen musste. In der Thing-artigen Weihestätte von Sozialisten für Sozialisten fiel uns auf, daß die im innersten Zirkel – Liebknecht, Luxemburg, Pieck, Ulbricht, Thälmann, Breitscheid, Künstler, Mehring, Grotewohl, Schehr – keine Geburtsdaten, nur Sterbedaten haben. Ein Geisterrondell. Nie geboren, nur gestorben zu sein, dachten wir, kann doch nichts anderes als Unsterblichkeit bedeuten. Wer nicht geboren ist, kann gar nicht sterben. Ein Fall für Zombie-Wissenschaftler. Wir lasen in und aus Benjamins Thesen ÜBER DEN BEGRIFF DER GESCHICHTE, tranken indischen Tee mit schottischem Whisky aus der Taxifahrer-Thermoskanne aus Peking, setzten uns in den VW-Caddy aus Poznań und fuhren am Dong Xuan Center vorbei Richtung Friedrichshain, wo der überschaubare Friedhof der Märzgefallenen sich unter den Grabgebinden vom letzten Totensonntag wärmt.

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