Tag 68

Abfall. Polylog der Stadt. „I Forgot to Remember to Forget“/

Was abfällt, heben wir selten auf. Wer vom Glauben fällt, ist abgefallen. Sünde ist ein anderes Wort für Abfall. Die Sünde, die Adam an der Hand Evas aus dem Garten Eden fallen ließ, war die erste aller Sünden. Wer abgefallen ist, von wem oder was immer, ist auf sich gestellt. Manchmal muss man tief genug sinken, um zum Stehen zu kommen. In der Tiefe arbeiten die, die den Abfall sammeln, verwerten.

Abfall ist das vergessene Vergessen. Die Verdrängung ist es nicht wert, nur den Wegwurf, egal ob Vernichtung oder Recycling. „Was weg ist, brummt nicht mehr“, sagt ein Spruch, der nicht aus Berlin kommen muss. Müll hat Ilja Kabakow gesagt, ist die andere Hälfte der Kultur, ihr Erinnerungsarchiv. Das Archiv-Archiv der Zivilisation. Zu dem der Dreck und der Staub unter den Sohlen gehören, alles „analog“ Dingliche, das sich gegen die Ortlosigkeit der Moderne behauptet.

Halbwertzeit: Das digital virtuelle, in Codes transformierte Archiv hat seine, solang eine Software sie liest. Jedes digitale Archiv hat und  ist  seine Halbwertzeit zugleich. Hier gilt kein Energieerhaltungssatz.

Nichts bleibt außer der Überlieferung. Sie ist die Währung der Aura, sie arbeitet am Gewesenen, transformiert und mutiert die Erinnerung, die von keinem Datenpool korrigiert werden kann, weil sie keine Wahrheit glaubt. „Wahrheit ist ontologische Inkonsistenz des Subjekts und seiner Realität“, sagt Steinweg. Wahrheit ist, dass keine ist.

„Wahrheiten gibt es viele, aber nur eine ist wahr, und die weiß Gott und der ist nicht da“, hat meine Großmutter gesagt. Nicht gesagt, gesungen. Vor sich hingesungen. Ich gäbe mehr als eine Wahrheit dafür, fände ich die Melodie, zu der sie sang. Viele fallen mir ein, aber welche ist wahr?

Aura, wovon Walter Benjamin spricht, dieses „sonderbare Gespinst aus Raum und Zeit, einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“, ist der aufzurufende Erinnerungsraum, den die Erfahrung uns gegeben hat und der im Abfall im Wortsinn auf der Straße liegt. Die Metropole produziert ihn, die Verwertungsindustrie setzt ein/um. Im 19. Jahrhundert sind es die Lumpensammler, die sich nach dem Abfall bücken. Der Künstler registriert den Vorgang, beschreibt ihn und verdichtet ihn.

Baudelaire war der erste, der den Sammler des Abfalls dem Dichter zurechnete, die Kollektion des Mülls der Poesie, das Lumpenproletariat den Randexistenzen, die den Ausstoß der Zentren verwerten wie die Kunst es tut. Aleida Assmann führt das in „Jenseits der Archive“, einem Kapitel ihrer ERINNERUNGSRÄUME, aus. Sie zitiert Benjamin, der Baudelaire zitiert, der den Lumpensammler als Sammler von Zitaten, die die Gesellschaft hinterlassen hat, und als Reflektor entdeckt. Vor der Reflexion war der Müll … eine Kausalkette der Kunst.

Wann seit dem Mauerfall hatten wir Gelegenheit, dieser Kausalkette im Straßenbild akribischer nachzugehen als heute, wenn wir den coronaren Auslagerungen, wie wir sie vor jeder Haustüre, an jedem Schaufenster vorfinden, nachgehen können, Tag und Nacht.

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