Tag 54

Flaneure in Hubschraubern

(1)

Städte sind Termitenbauten, voll von Abermillionen Widersprüchen und Geschichten. Je mehr sie nach außen still zu stehen scheinen, um so mehr ist drinnen los. Eine Stadt, um sie zu verstehen, sollte man von oben gesehen haben. Vom Fernsehturm oder Wolkenkratzer her, was sich so anbietet. Nicht jeder kann sich den Hubschrauber leisten, der für den Draufblick in der Ruhe nötig wäre, und hereinsehen in die Stadt von dort oben kannst du sowieso nicht. Wichtig ist, den Kopf drüber zu halten, den in den Sand, der unterm Pflaster liegt, zu stecken du besser nicht vergisst.

Und halt ihn auch in den Spiegel im Fenster gegenüber, der dir zeigt, dass das Leben mehr zu bieten als die eigene Geschichte. Die du, nebenbei, im Spiegelblick mit Abstand vielleicht besser siehst. Wie den dort, vierter Stock im Quergebäude vis-à-vis, der urplötzlich ein Mann in seinem Zimmer ist, obwohl er doch die letzten mindestens fünf, sechs Jahre nur der Junge war. So siehst du die Nachbarn ihren Kindern zureden im Hof, während der Schnee von oben, sehr weit oben, langsam fällt.

(2)

Wenn von New York die Rede ist, denkt man oft eine hohe Stadt. New York ist aber nicht hoch, vielmehr tief. Roland Barthes erwähnt das in seinem Buch über Eiffel. Tiefe meint nicht nur die architektonische Vertikale von oben besehen, nicht historische; Tiefe meint die sich dem Betrachtenden darbietende, die Geschicke seiner Bewohner auffächernde Struktur, die man Lesen lernen kann.

Man muss die Schneeflocke, das Sandkorn, den Regentropfen gleich untersuchen, um der Stadt, Synthese von Natur und Kultur, in ihren Ausmaßen auf die Spur zu kommen. Nur so wird man das oberirdische, unterirdische und auf dem Straßenniveau sich bewegende Geflecht begreifen.

Der britische Soziologe Keith Tester (1960–2019) zieht in seiner Studie „The Flâneur“ (1994) den einfachen, aber nie gradlinigen Strich durch die Stadt: “The street level is a dead space. It is only a means of passage to the interior.” Vielleicht ist es so: der Flaneur von heute, braucht die Straße nicht mehr, und die Straße braucht nicht ihn. Sie ist sozusagen abgefrühstückt, ausgelatscht, ein toter Raum, der nur noch als Durchgang (Passage) ins Innere dient. Ins Innere von Häusern, Wohnungen wie Menschen, die die Straße in sich tragen. Das unterscheidet sie von denen, die Benjamin aus dem 19. ins 20. Jahrhundert projiziert hat, und von denen, die Franz Hessel im Berlin zwischen den Kriegen beschrieben hat.

Der Flaneur (nach Tester “once a full-time job”) ist heute nur eine genussvolle Aussetzung sozialer Ansprüche, ein vorübergehender Zustand der Verantwortungslosigkeit. Nicht mehr der Flaneur, die Situationen spazieren an uns vorbei. Extremperioden wie die jetzige verdeutlichen das. Noch deutlicher, wenn Epidemie und unverhoffter Schnee zusammenfallen. Nichts – wenn wir vom entblößten menschlichen Körper absehen – bietet sich so sehr an, verlockt so sehr, Spuren zu hinterlassen wie frisch gefallener Schnee.

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