Tag 50 #3

jwd (ff)/

Wo wir wohnten. Silberbergerstraße, Volkswohl-, später Anna-Seghers-Straße, Lehmbruck-, Weißenfelser-, Memhardstraße, Hackescher Markt, Belforter Straße, Prenzlauer Allee, Greifswalder Straße, Kreißsaal, Krankenhäuser, Polizeireviere, Friedhofsbesuche nicht gerechnet. Treptow, Friedrichshain, Mitte, Prenzlauer Berg, die Osthalbkugel.

 

Ein Junge, der denkt, dass Anna Seghers in Adlershof eine Straße mit ihrem Namen bekommt als Trost für, er hat ihr vom Balkon aus eine Nase gezeigt, sie einen Apfelgriebsch nach ihm geschmissen, nicht getroffen (Schnaps gesoffen), drauf starb sie natürlichen Todes vor Gram.

 

Wo wir waren. Im Grünen, am Wasser, am Rand. Adlershof, Köpenick, Grünau, Namen: Stefan Heym und Havemann (verboten), den Spreetunnel durch (nass), Regattastrecke, Rummelsburg, Paul & Paula, Richters Horn und die katholische Jacqueline. In Dimitroffs Wohnung (der hatte zwei, in Charlottenburg die andere), in Thälmanns Wohnung mit Thälmanns Tochter, im KZ in Sachsenhausen (in Plötzensee nicht zugelassen), in der Besserungsanstalt für Schlechtes Gewissen, mit der Patenbrigade Oktober vom Kabelwerk den ersten Vollrausch, mit dem Patenbataillon (benannt nach wem, vergessen) Panzer gefahren, wir waren im Kosmos, kamen um in der Kapsel, waren beim Putsch in Chile und beim Wehrsport am Müggelsee dabei, hatten den Krieg in Vietnam, Nicaragua, El Salvador, und das alles hatte auch uns (soll niemand sagen, wir wären nicht herumgekommen).

 

Wir winkten. Zuwinken war Pflichtfach am Adlergestell, gab kein bessres, vielfarbigen Revolutionären und Staatschefs, für Castro, Tito, Breschnew, Ulbricht, Honecker und Kosmonauten, die von Schönefeld zum Staatsrat hin an uns im offenen Tschaika vorüber mussten, Valentina war der schönste (ich konnte sie mir als Briefmarke, 20 Pfg, kleben).

 

Wie wir wohnten. Dörpfeld-, früher Bismarckstraße: Weltkrieg-I-Veteranen ohne Beine in Rollstuhlkästen mit Bauchläden voll Nähzeug und Zigarren, fuchtelnden Krückstöcken dazu. KWO, das Kabelwerk, voll-und-ganz-nackte Prolet-Arierinnen beim Duschen durch die zerbrochenen Oberlichter beglotzen, die werfen, SPANNER!, mit Seife zurück. Und treffen! Ein Hufschmied (echte Gäule!) neben der Schule, Scheißhäuser und Pissrinnen für Klasse 1 bis 3 im Hof, Fuhrwerke am Markt, da das Kino Capitol (Legende). Die Eis-Diele, zwei Sorten, drei: rot, weiß, Kakau, fleischrosa Soße auf synthweißen Mädchenkniestrümpfen, und der Wald, den sie die Heide nannten, nebenan, die Höhlen, Fuchslöscher, moosbelegte Weltkrieg-II-Krater, Blutsbrüderschaften am Bunker, hinter dem Sportplatz, dazu. In der Straße meiner Eltern drei Kraftfahrzeuge: der Roller vom dicken ABV, der EMW vom Taxifahrer und der Wolga zum Einschüchtern mit Chauffeur jeden Morgen. Und die Nachbarin, Dr. rer. nat., die Saporoshez fuhr und mit ihrer Mutter zwei schmale Zimmer teilte, kam aus der SU.

 

Nachkriegskindheit um 1970 ff. Die Adekamie (der Wissenschaften) und das Fernsehen (der DDR), das Wachregiment Feliks Dzierzynski (Stasi). Wir behausten komfortable vier Zimmer und ein halbes, Altneubau, in der Sprache meiner Mutter, vom Balkon der Seghers fielen öfter als der Schnee die Kippen, auf dem Hof hielt der Gemüsefritze Ziegen. In der Genossenschaftsstraße brannte eins der Holzhäuser aus, noch Tage schmirgelten angekohlte Familienmitglieder aus aufgeweichten Fotoalben durch die Straßen.

 

Wer hier gewesen war. Gründgens vor dem Krieg und Krug danach, und, und, umwohnt von Namen und sich verzweigenden Geschichten – fast jeder hat hier, wo du lebst, mal logiert, als das mit dem Fernsehen anfing in Johannisthal, die Stars, alle, ein-jeder! nur vielleicht Napoleon nicht (berichtet Witwe Klemm, Jahrgang 1900). Später, viel später ließ sich sagen, dass man in einem Mysterium Buffo aufgewachsen war – jwd von irjendwat.

 

Die Spuren. Ringbahn, zerschossene Brücken, Brücken aus Holz, Brücken aus Lücken, Brücken über die Spree, von Ja nach Doch nich, nee, und dann die Brücke-dafür, die allumfassende, die Brücke, die die Mauer war in Fiktionen (Visionen) zum Himmel, und wo Himmel nicht war, war es die GÜSt, ÜbergangsStelle von einem Zonenrandgebiet ins andere für privilegierte Minderheiten, von oben konnte man sie sehen, der aufkragende Morchel, aus dem, bevor ich zur Schule kam, der Fernsehturm wuchs, pro Tag einen Meter und blieb bei 365, Tatsache! stehen.

 

Janz weit draußen meint berlinisch jwd. Das war nicht Königs Wusterhausen, KW, oder sonstwo fern in Brandenburg, das war nur drüben, auf der andern Seite vom Tor, im Tiergarten gewesen, ureigentlich war aber: draußen, wo die Puppen stehn, gemeint daher berlinisch: bis in die Puppen schlafen. Die Puppen: Hohenzollernstandstatuen, sämtliche Markgrafen und Kurfürsten, Könige bis Kaiser, längs der Siegesallee, die einging in Berliner Straße und 17. Juni, die Umgehungsstraße und Fanmeile und derzeit Tote Hose ist. Wie so viele, dankenswerterweise, in Berlin: nich so wichtich, nsw … Groß war das wirklich, umsverreckengerneweltstadtsein, nur in Kontrast ± Ironie gewesen = Toleranz im besten Fall, und nie, never, my paradiso terrestre.

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