Tag 46

Reisebericht/

Gestern ging ich einen Freund besuchen. Ich wußte schon nicht mehr genau, ob es zu den verbotenen Dingen gehörte, eine nicht unbedingt notwendige, nicht lebensnotwendige Reise mit der S-Bahn und zu Fuß durch Berlin. Weit bin ich auch nicht gekommen, das heißt, es war eigentlich nicht weit. Von der Greifswalder Straße bis dorthin, wo Berlin aussieht wie Heilbronn, am Zoo. Die Regierungen, die Deutschland hat, fochten umeinander für und gegen neue Lockdownregelungen, und ich fuhr mit Maske und Schuldgefühlen durch Berlin. Ziemlich alleine übrigens, die Stadt war wie tot, im Bahnhof keine Brezelbude mehr offen, es war auch schon nach 18 Uhr. Ich war gebeten, Brot mitzubringen, keine leichte Aufgabe um die Zeit an einem Dienstagabend. Ich fand eins bei „Ullrich am Zoo“, ich war überrascht, dass es das noch gibt, eine alte Kette, tot wie Kaiser’s oder Reichelt oder Bolle oder wie sie sonst noch hießen, dachte ich. Ich war eben einfach lange nicht am Zoo. Es ist wie überall, die Schilder, die mit dankenden oder anklagenden Zusätzen DAUERHAFT GESCHLOSSEN melden, häufen sich. Eine Frage der Zeit, bis das auch an Bahnhofseingängen oder S-Bahntüren steht.

 

Als ich das dachte, lief ich schon die Hardenbergstraße lang, mit dem Baguette unterm Arm wie Woody Allen in „Everyone says I love you“, wenn er auf dem Weg zu seinem Airbnb-Apartment in Paris um die Ecke biegt.

 

Es regnete stark, ich tappte an der geschlossenen C/O-Galerie im Amerika-Haus vorbei, die mit Hauswalds Retrospektive „Voll das Leben“ das Gegenteil davon bewerben muss. Als ob die letzten Züge der DDR mit den blühenden der Epidemie in Zusammenhang stünden; stehen sie vielleicht auch, wer will das wissen. Das systemrelevante „Jacques’ Wein-Depot“ daneben ist offen, aber niemand ist drin. Nierendorf mit seinen Otto-Dix-Schaukästen wirbt für „100 Jahre Nierendorf“ und bietet zu vereinbarende Besuchsmöglichkeiten an. „Filmbühne am Steinplatz“ war mal ein Kino, ist jetzt ein Restaurant mit Kleinkunstbühne und zu. Und wie es sein soll, ist bis zum Hotel, zu dem ich muss, alles andere auch zu. Viel kommt ohnehin nicht bis zum Reuter-Platz, es war schon immer eine tote Gegend, in meiner Erinnerung zumindest, was sollte man hier, außer studieren vielleicht oder bei Manufactum sauteure Dinge, die es immer noch gibt, kaufen.

 

Es regnet. Ich gehe über den Steinplatz, der wie ein Ertrinkender zwei Hände voll Schnee auf seiner Wiese hochhält, Uhlandstraße, Carmerstraße, links in die Goethe, an der sich zwei noch nicht Ertrunkene jetzt, 18:30, ihr Bett machen auf Zeitungspapier unter den Säulen der „inpro Innovationsgesellschaft für fortgeschrittene Produktionssysteme in der Fahrzeugindustrie mbH“. Sie sagen kein Wort, sie breiten die Zeitungsbögen aus, packen ihre Beutel aus, Schlafsack und Decke, und legen sich. Ich sehe ihnen zu, die ruhig wie geschäftsmäßig ihr Lager bereiten. Zwei Schritte noch und ich stehe vor dem Hotel. Es ist zu, ganz normal, dass es zu ist. Jedenfalls nicht dauerhaft geschlossen. Ich rufe an, mein Freund holt mich ab, wir fahren, Abstand haltend zueinander im Fahrstuhl nach oben, sein Zimmer, eine Suite, die bei Bedarf in drei Räume zerlegt werden kann, ist so groß wie die Lobby. Er hat das Hotel für sich, die Penner unten haben die Ecke unterm Portikus und die ganze restliche Straße. Ich wusch mir die Hände, er öffnete die erste Flasche Wein. Wir sprachen über die Steueroase Delaware, kommende Kriege im Nahen Osten, Nawalnyj in Moskau, Assange in London, verglichen Euripides‘ Atridendramen mit denen von Aischylos, schnitten durch familiäre Themen und den Käse an, tranken Wein, aßen das pappige Brot, gaben uns zum Abschied gegen Mitternacht symbolische Hände, und das wars.

 

Ich fuhr durchs atemberaubend dunkle, stille, leere Hotel wie durch Kubricks „Shining“ nach unten, lief wieder an den Pennern vorbei, überlegte kurz, ob ich das Schnarchen mit dem iPhone aufnehme, war aber zu feige, weil gerade jemand um die Ecke bog und trottete zurück zum Zoo. Und während ich Bidens Amtseinführung im Live Stream sehe, eine selten epische Performance, die dank Covid und Bürgerkrieg (Abstand und kein Publikum) die ganze Mechanik bloßlegt, schreibe ich, was gestern war, auf, es hängt ja zusammen.

Schlagwörter: