Tag 42

Einmal hatte ich Berlin allein für mich. Es war der 11. April, die Nacht auf Ostersonntag letztes Jahr. Der erste Lockdown war zwei Wochen alt und pandemisch war niemand erfahren. Noch war Händewaschen wichtiger als Masketragen. Kaufhäuser, Theater und Friseure waren zu, sogar die Gottesdienste wurden abgesagt. Ich bekam eine Einladung, zusammen mit ungefähr 50 anderen, Autoren, Künstlern, Christenmenschen, in der Kirche am Kulturform durch die Nacht zu lesen. Österlich, mit Zuversicht, nicht zwingend biblisch. Jeder zehn Minuten, leise oder laut oder ganz für sich. Eine ins Allein-mit-sich-sein übersetzte Andacht, die ich zum ersten mal als solche überhaupt verstand.

 

Als ich kurz vor eins dran war mit Lesen, war die Kirche dunkel, der Pfarrer und ein Begleiter standen davor, mehr als drei durften nicht in der Stadt zusammenstehen, sie begrüßten sechsmal in der Stunde jeden, der zum Lesen kam, und verabschiedeten sie alle sechsmal in derselben Stunde. Der Pfarrer zeigte mir, wo in der dunklen Kirche der Leseplatz war – vorne rechts vor den zwei Glasbalken, die von der Apsis hängen, vierte Reihe, wo die kleine Leselampe klemmt. Ich ging rein, vorbei an ihm, der vor mir gelesen hatte und rauslief und ein paar gefärbte Eier im Vorraum ablegte, ich kannte ihn nicht. Ich setzte mich an die Lampe, starrte in die leere Kirche, die von sechs Stiftkerzen auf dem Altar beleuchtet war, nahm die Seiten aus der Tasche und begann leise vor mich hin zu lesen.

 

Nach zwei Minuten blickte ich auf, sah die orangenen Lichtfelder von der Potsdamer Straße durch die Scheiben rieseln und die blauen Glasbalken, die aus meiner versetzten Position ein F eher als ein Kreuz bildeten. Ich sah wieder nach unten. Ich las. Es war so still. Und so dunkel. Es war enorm. Es waren zehn Minuten. Ich nehme an, sie reichen für zehn Jahre, vorausgesetzt ich reiche so lang.

 

Als ich raus kam, dümpelte mißäugig eine Polizeiwanne vorbei. Öffentliches Rumstehen war limitiert, Veranstaltungen ausgeschlossen. Die nach mir Lesende ging rein und zündete ein Opferlicht an. Der Pfarrer wünschte Frohe Ostern, wir sagten ohne Hände Tschüß, ich schob das Rad über die Schräge am Kulturform und sah mir die Stadt an. Das bestrahlte Gerippe des Sony Centers warf den Ausnahmezustand als kolorierten Schatten über die Straße, alle übrige Beleuchtung schien irgendwie gedimmt, kein Auto fuhr, niemand ging. Ich sah drei Figuren vor der Kirche stehen, eine verschwand nach drinnen, eine kam raus. Die Glocke gab einen Ton ab, halb zwei.

 

Weil ich vom Besonderen nicht genug hatte, fuhr ich durch den Tiergarten, der lag noch unbelaubt da wie ein Großflächendenkmal in Schwarz. Ich umkurvte Denkmäler, die ich nicht erkannte, rollte über Wurzeln, fuhr gegen einen Poller und schaffte es zum Ehrenmal mit den beiden T-34. In meiner Erinnerung war das goldene Emblem der Sowjetunion am Sockel, auf dem der kupfergrüne Soldat steht, das einzige Licht auf der Strecke bis zum Brandenburger Tor. Das Tor war offen und ich fuhr ein in die Stadt. Ich war mir sicher, dass ich der einzige war, der das heute Nacht tat, vielleicht E.T.A. Hoffmann noch, der von Lutter zu Wegner fuhr, sonst niemand. Zwischen US-Botschaft und Akademie war die Torwache aufgebaut, im Halbring drei Wannen, gepanzerte, behelmte Polizisten dabei, die wie Ritter in Plastik ihre Stadt beschützten, vor was immer. Sie reckten die Köpfe nach oben, als ob der Angriff nur von dort kommen konnte. Ich rollte langsam auf sie zu, fühlte mich verboten, und rief leise Gute Nacht. Einer mit Vollbart winkte und lächelte, ängstlich wir mir schien, aber beruhigend zugleich. Das war das Bild: angsteinflößend im Allgemeinen, beruhigend im Besonderen. In stillem Einverständnis in dieser stillstehenden Zeit fuhr ich vorbei. Es war überstill, es war dunkel, und roch zum Überfluß auch noch nach Frühling. Das hatte ich in der Kombination zuletzt als Jugendlicher in den 80ern in Ostberlin erlebt.

 

Unter den Linden Richtung Spree war auch nichts los. Vor der Russischen Botschaft stand mehr Polizei als sonst und an jeder weiteren Kreuzung auch. Eindeutig, dass die Stadt belagert wurde. Ich machte sinnlose Dunkelbilder von der Baustelle Humboldtforum, vom Dom gegenüber, knipste die Spiegelungen im Wasser und vom Fahrrad aus das aus 100 beleuchteten Fenstern geformte Herz in der Fassade des Park Inn Hotels am Alexanderplatz, das die kommenden Arbeitsausfälle traurig ausleuchtete.

 

Als ich nachhause kam, wurde es hell. Um das alles rund zu machen, fotografierte ich den Rathausturm vom Fenster aus, dann legte ich das gelesene Manuskript auf den Tisch. „Todes Duell“, die letzte Predigt des englischen Lyrikers und Dekan von St. Paul‘s, John Donne, gehalten in der Osternacht von 1630. Mit den Sätzen: „Gott den Menschen diese Erde, damit sie etwas daraus machen, er gab sie ihnen für ihr Grab, damit sie dort zerfallen und zu Erde wieder werden, doch nicht für ihren Besitz. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, nicht einmal eine Hütte, die bestehen bleibt, keine Wesen, die da bleiben, keine Körper nichts“, ging ich ins Bett.

Schlagwörter: