Tag 20

Ausnahmen des Ausnahmezustands (1)/

 

Unmittelbar nach der Ankündigung des Lockdowns in Berlin setzt, wie es aussieht, ein endloser Freitag ein. Schlangen ohne Ende winden sich durch die Stadt und wickeln sie ein, würgen ihr die Luft ab wie die Schlangen Laokoon und seinen Kindern. La-la, schla-la, la-la, lo-lo-lo / lange Schlange, lange, lang … Laokoon Lockdown / – alles klingt wie ein Refrain auf ein dadaistisches Lied, und die Menge breitet sich gegen den Menschenverstand, den wir den gesunden nennen, wie ein schwellender Strom längs der Geschäften zu diesem Lied im Zentrum aus, und Verkäufer, die hoffen, wenigstens noch in den Stunden, bevor der Hammer fällt, etwas zu verdienen, bieten beispiellos günstige Rabatte an.

Ich muß zu Boesner, wo, wie es heißt, Künstler ihren Bedarf decken können. Ich brauche Karton, Modellkarton, nicht viel. Ich gehe die Marienburger lang, der Laden ist ganz in der Nähe, ich brauche nur um die Ecke zu gehen.

Eine Frau mit einer gewaltigen Staffelei in den Händen stapft auf mich zu. Sie hält sie mit der Zärtlichkeit einer Madonna, die den Christus trägt, in ihren Armen. In ihren Augen liegt Stolz, Herausforderung und ein großer Teil Erschöpfung.

Warum so triumphal, bloß eine Staffelei, denke ich – wie falsch ich lag. Die Boesner-Warteschlange begann schon an der Ecke. Das letzte Mal, dass ich eine in der Länge sah, war in Moskau vor Lenins Mausoleum.

Ich warte … 40, 41, 42 … 44 Minuten (geht ja noch), dann erhalte ich Einlaß in den magischen Berg. Käufer huschen hin und her und fegen alles weg, was zur Hand ist. Den größten Ansturm erzeugen Pinsel und Notiz-, und Skizzenbücher, warum auch immer.

Ich raffe meinen Karton zusammen und schiebe mich zur Kasse, zwänge mich durch den Ausgang, der auch Eingang ist. Rauszukommen ist genauso schön wie rein. Die Warteschlange draußen hat nicht ab-, nur zugenommen, über die Baustelle weg, und die Marienburger erreicht. Einen Moment überlege ich, stehen zu bleiben und abzuwarten, ob die anwachsende Schlange sich nach links (den Berg hoch) oder rechts (runter) fortsetzt. Keine Zeit, ich muß zum Kindergarten. Ich geh die Marienburger lang und drücke den Karton wie ein Baby an meine Brust. Stolz und Herausforderung leuchten in meinen Augen. Und ich sehe wirklich ein wenig auf diejenigen runter, die gerade um die Ecke biegen.

Warum nochmal wurde Laokoon von den Schlangen erwürgt? Vergessen. Ich seh zu Hause nach und melde mich dann.

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