Tag 16

Reminiszenz an zwei Prager /

Vilém Flusser hat im Buch der Gesten, „Versuch einer Phänomenologie“ den Essay „Die Geste des Maskenwendens“ publiziert, der unter Coronabedingungen neu zu lesen ist. „Das Wesen der Geste ist das Überschreiten des Theaters, also der Bühne, des Aktes, der Handlung, und es ist eine der ganz wenigen Gesten, in der sich die untheatralische, nachhistorische Daseinsform äußert.“ Viel wurde über die Eigenartigkeit der Gestik von Kafkas Personnage geschrieben und mehr darüber gerätselt.

Derzeit fällt ein ganzes Arsenal von Gesten wegen der Abstandsgesetze flach (Umarmungen, Begrüßungsküsse …), andere werden erfunden (Faust-an-Faust- oder Ellenbogen-Hallo), die Bandbreite der Erfindungen ist so groß wie Muster und Moden der Masken (Mund-Nase-Bedeckung), der Protestbewegungen und der Protestmotive. Und im großen Weihnachtsgerenne, immer wieder was Neues. Samstagabend in der EDEKA-Kaufhalle am S-Bahnhof Greifswalder Straße. Letzte Chance vor Ladenschluß hier die gesuchte Delikatesse zu finden, die in den Kinderstiefel am Nikolaustag soll. Nachdem alle sonstigen LIDLS und REWES und was sonst in der Greifswalder residiert, gerade eben das (die schneeigen Raffaello-Pralinen) nicht hatten, hier, vielleicht, haben sie es. Die freundliche Verkäuferin, die schniefend hinter der Maske von den leergeräumten Regalen die Preisschilder abzieht, weiß, wo, „hier … ham Se aber Glück jehabt, eene Packung is noch da, die letzte …oder … nee … ach doch, da isse ja!“ Und sie hockt im breitesten Spagat vorm untersten Regalbrett, daß der hinter ihr, ich, ihrem ausschwingendem Hinterteil ausweichend, an die gegenüberliegende Regalwand fliegt, wo das Salzige liegt. „Sind ooch saulecker, die Dinger!“ Sie sieht aus ihrer Hocke nach oben, grinst vermutlich hinter der Maske und hält die Packung Raffaello hoch. Ich nehme, danke, und tanze (stake) wie Kafkas K. Richtung Kasse ab.

Kafkas Situationsgesten zeigen rücksichtslos die Komik im tragischen Benehmen auf. „Leichtfüßig“ nach dem Brudermord tanzt Schmar „den Mund an die Schulter des Schutzmanns gedrückt“ davon. „Mit brechendem Auge“ sieht K., während er die Hände hebt und alle Finger spreizt, wie nahe vor seinem Gesicht die Herren Mörder Wange an Wange aneinandergelehnt die Entscheidung (die Hinrichtung/das Sterben/den Tod) beobachten. Benjamin spricht vom „Kodex der Gesten“, den Kafkas Werk abbildet. „Zu durchschlagend“ sind die Gesten seiner Figuren für die gewohnte Umwelt und brechen in eine geräumigere ein. Das „Theater des Alltags“ war selten geräumiger, unterhaltsamer, lehrreicher selten als es heute ist. Lob des Ausnahmezustands.

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