Tag 103

Memoiren aus dem Copyshop // Nochmal Weißes Band //

Für Sergei Dowlatow, der 1991 schon tot war //

Kopieren war noch neu, besonders, dass es unzensiert und ohne Genehmigung ging. Man konnte kopieren was man wollte, wie oft man es wollte, man musste nur bezahlen. Ich tat das im Haus, in dem ich wohnte, am Hackeschen Markt, Neue Promenade 3, in der Steinzeit Kommandantenstraße. Das Haus, grün angestrichen, halb verwest, war ein früheres Palais von Bülow, Baujahr 1873. Im zweiten Weltkrieg wurde eine Hälfte, die zur Rosenthaler Straße, weggebombt und abgetragen. In den Rest kam die Sowjetarmee schrieb Bezirkskommandantur Mitte außendran, strich das Haus grün in der dunklen Variante und tränkte ein paar Pferde im Springbrunnen im Treppenhaus, das heute unter Denkmal steht.

In der Wohnung, die ich ab 1991 mit meiner Tochter bewohnte, war zwischen von Bülow und der Sowjetarmee ein Anwalt einquartiert, der seinen begehbaren Safe dahin stellte, wo meine Tochter später wohnte. Zwischen uns und den Russen hatte ein Balletdirektor hier gewohnt, mit überlebensgroßen Topfpalmen und exotischen Gewächsen, die das Parkett zerfressen hatten. Die Wände waren 4,50 Meter hoch, das Wohnzimmer hatte 80 Quadratmeter und zwei Balkons, die zu Erkern zugefenstert waren. Erker kommt aus dem Französischen und heißt Schießscharte.

Das Haus an der Neuen Promenade, das den Hackeschen Markt mit der Oranienburger Straße verband, blieb mehr als 45 Jahre grün und blätterte. Der Verkehr schwoll an wie ein Ozean am Kap. Als nach dem Mauerfall der Puff in die Große Präsidentenstraße kam, lagen im Hausflur unten, wo der Springbrunnen war, Kondome und manchmal Strumpfhosen rum. Wir teilten uns im Haus zu je zwei Wohnungen einen Telefonanschluss.

Ab Frühjahr 1990 wurde das Erdgeschoss, wie die meisten der inneren Stadt weiß gestrichen. Rings ums Haus die Banderole, wie um ein Geschenkpaket. Man konnte das als Kapitulationserklärung gegenüber dem neuen System verstehen, als Zeichen für „hier lässt sich investieren“, „wir sind frei“, „noch zu haben“, oder einfach nur als „macht doch, was ihr wollt“ verstehen. Ich ging zwei Treppen runter und kopierte, was ich auf der Maschine getippt hatte, um es an die Redaktionen zu schicken, die es dann druckten oder nicht.

Man konnte schon allein an die Kopierer gehen, mir ging das immer schief. Es gab lange Wartezeiten, die Geräte gingen oft kaputt, Papier blieb stecken. Schlangen bildeten sich. Die meiste Technik war gebraucht und hatte ihre Jahre in Charlottenburg und Kreuzberg hinter sich. Mit dem Osten kamen sie nicht mehr zurecht und die Ostler kamen schlecht zurecht mit ihnen. Die Bedienung – damals konnte man die Leute, die an den Kopierern operierten, so nennen – kam mit beiden nicht zurecht. Ich hatte viel Zeit, aus dem Ladenfenster zu sehen. Oft war meine Tochter mit, um ihre Bilder für das nächste Buch oder einfach nur ihre Hände und Gesicht zu kopieren. Ich schrieb mir manchmal auf, was ich im Laden sah.

Vor ein paar Tagen fiel aus einem Buch, das ich zu der Zeit las, ein Zettel mit noch lesbaren Notizen. Er kam aus dem luftleeren Raum zwischen Seite 22 und 33 von Boris Groys‘ „Gesamtkunstwerk Stalin“, meine Handschrift hatte sich in die gedruckten Buchstaben geprägt, Rot auf Schwarz, und ins Auge fiel mir ein Chlebnikow-Zitat: „… somit erhalte die Avantgarde die Macht über die Zeit und unterwerfe dieser Macht die ganze Welt.“ Einverstanden, dachte ich.

Drei Notizen, und am Ende steht ein Satz, den ich nach zwei Tagen jetzt doch noch entziffern konnte: „Die Verrückten, die nach 89 kommen“. In Klammern dahinter: „J.C. // Trichterwirt“). Der „Trichter „war eine im Osten legendäre Kneipe, die jetzt „Brechts Steakhaus“ heißt, am Spreeufer gegenüber vom S-Bahnhof Friedrichstraße, 100 Schritt vom Berliner Ensemble.

Soweit ich mich erinnere, trifft es das, was ich aus dem Fenster in der Neuen Promenade sah. Es waren fast immer alte Frauen aus der Gegend, die am Kopierladen hängenblieben, und fast immer allein.

– humpelnde Frau, kommt in den Laden, bleibt auf einem Bein auf der Schwelle stehen und singt sehr hoch „Jesus“, immer wieder „Jesus …“

– Frau (zum Kind): „Dir haben se wohl ooch jeschickt, mir Angst zu machen. Aber ick hab keene Angst, ich mach mir selber welche.“

– Frau, leere Hundeleine hinter sich schleifend, durchdringender Blick: „Und schwuppdiwupp ist der Daimler weg, da siehste mal.“

Ich weiß noch, dass hinter dem Haus, wo jetzt die Nachbarschaft vom Nike-Store besetzt wird, ein klassisches Obst & Gemüse-Geschäft war, in dem selbst der Verkäufer sich nach einem Jahr noch nicht an das Überangebot an allem, was sein Laden vom Titel her versprach, gewöhnen konnte. Dessen Kundschaft aus Alteingesessenen, die zwischen dem Fleischer, den es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt und der „Oranienburger Quelle“ in der mit einer bayrischen Nobelkneipe überbauten Trümmerlücke an der Straßenbahnhaltestelle, pendelten, und manchmal am Copyshop, der ganz am Anfang noch Kopieranstalt hieß, vorbeikamen. Den Zweck solcher Anstalten verstanden wir nach Inkrafttreten der neuen Bürokratie schnell.

Einmal sah ich zu, wie eine junge Unternehmerin von 60 Jahren, die bei uns im Haus wohnte, Werbezettel für ihr Bestattungsinstitut kopierte. Auf den Zetteln, die der Kopierer ununterbrochen, bis auf den Tonerwechsel, mit Geräusch ausspuckte, stand, schwarz auf seltsamerweise gelb:

„WARUM WOLLEN SIE MEHR BEZAHLEN? Feuerbestattung ab 999,99 DM, Erd- und Seebestattung schon ab 1.500 DM, inklusive Sarg, Kissen, Hemd, Bettung, Überführung, Erledigung sämtlicher Formalitäten, Desinfektion, Pietätsartikel, Überurnen, 24 Stunden Telefon. Auf Wunsch Hausbesuche! VORSORGLICHE BESTATTUNGSREGELUNG ZU LEBZEITEN! Bitte wenden.“

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