Tag 101

A letter from Mountain View, Los Angeles // Kommentar zum Wohnen //

Dear […],

I thought I would write and let you know about my situation. At home it has grown ugly. V., the Landlord tried to kick me out and I fell for it in the beginning and went on a manic search for a new place. Sold stuff. Threw a lot in the dumpster down the street and moved some of my furniture to my friend’s house.

But then I met someone that told me that V. had no right to throw me out. (He really wanted to throw me out, telling me “we want you gone.”)

I came to realize that I have rights as a tenant and have since filed a formal complaint with the Housing Department. V. has received an official notice that he cannot evict me. There is a moratorium on evictions now in Los Angeles.

And I had the Building and Safety Dept (all government agencies) come over to the place and inspect. V. has never registered the unit as a rental so they sent him a Code Violation. It is registered as a servant’s quarter’s and not as a rental unit. So now V. has a code violation that he must remedy and in order to do so he must formally evict me. And if he does this then I will qualify for relocation assistance. And this could be a substantial amount of money. […]

If by chance all this is resolved by September then I could see a much-desired trip to Berlin.

© Just Loomis

Obenstehender, anonymisierter Brief, eingespeist in Benjamins Zettelkasten (Gesammelte Schriften, V/1, Frankfurt/Main 1982, S. 295), erhält per Rückantwort aus der Tiefe der Zeit nachfolgenden Befund:

„Wir haben … gesagt, daß der Mensch zu der Höhlenwohnung etc aber zu ihr unter einer entfremdeten, feindseeligen Gestalt zurückkehrt. Der Wilde in seiner Höhle … fühlt sich … heimisch … Aber die Kellerwohnung des Armen ist ein feindliches, als ‚fremde Macht an sich haltende Wohnung, die sich ihm nur hingiebt, sofern er seinen Blutschweiß ihr hingiebt‘, die er nicht als seine Heimath – wo er endlich sagen könnte, hier bin ich zu Hause – betrachten darf, wo er sich vielmehr in dem Haus eines andern, einem fremden Hause befindet, der täglich auf der Lauer steht und ihn hinauswirft, wenn er nicht die Miethe zahlt. Ebenso weiß er der Qualität nach seine Wohnung im Gegensatz zur jenseitigen, im Himmel des Reichthums, residirenden menschlichen Wohnung.“

Benjamin notiert in seiner Materialsammlung für diesen Abschnitt „das Interieur, die Spur“. Lesen wir weiter bei Marx,  dessen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von 1844 Benjamin das Zitat entnahm, folgt ein Absatz, der das Interieur zum Exterieur macht. Das Innere, mein „Heim“, mein Mobiliar muss raus, ins Außen. Es ist mit mir enteignet worden, wir sind vom Eigner, vom propriétaire, expropriiert worden.

„Die Entfremdung erscheint sowohl darin, daß mein Lebensmittel eines andern ist, daß dieß, was mein Wunsch, der unzugängliche Besitz eines andern ist, als daß jede Sache selbst ein andres als sie selbst, als daß meine Thätigkeit ein andres, als endlich, – und dieß gilt auch für den Capitalisten – daß überhaupt die unmenschliche Macht herrscht.“

An anderer Stelle verweist Benjamin auf Kierkegaard, der meinte, echte Kunst wäre, Heimweh zuhause zu haben, wozu man sich auf Illusion verstehen müsse. Das sei „die Formel des Interieurs“. Sie wird natürlich erst von außen kenntlich.

© Just Loomis

Dass das soziologische Experiment, das die notwendige Distanz verlangt, nicht immer ein freiwillig begangenes ist, weiß, wer in der Großstadt lebt.

© Just Loomis

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