Tag 100

Bemerkung zum gehobenen Elend //

In einer Notiz zum Passagenkomplex bewegt Benjamin den Müßiggänger, den Schatten des Flaneurs, wie eine Schachfigur, führt ihn wie den Springer übers Brett. Der Springer kreuzt ohne Segel über die Felder, Abgründe der Metropole:

„Wenn alle Stricke reißen, wenn am verödeten Horizont kein Segel, kein Wellenkamm des Erlebens auftaucht, dann bleibt dem vereinsamten, vom taedium vitae ergriffenen Subjekt ein letztes übrig: das ist die Einfühlung.“

An anderer Stelle, in einer Notiz zu den „Pariser Baudelaire-Papieren“, umschreibt Benjamin den Blick ins Grab als „Bild der Leiche“: „Aushöhlung des Innenlebens / Leiche von innen vergegenwärtigt / Poe / Einsamkeit / der Gefangene oder der Begrabene / Bild der Leiche in der barocken Liebesdichtung / l’horloge, la mort / Ursprung der Allegorie aus toten Seelenvermögen / acedia / taedium vitae / Einsamkeit als Abgrund“

Die Verwendung der Latinismen acedia (Trägheit) und taedium vitae (Lebensekel), die nicht mehr zum Wortgebrauch zählen, verweist uns auf die gängige höhere Schulbildung von vor 100 Jahren, verweist auf die siebte, in Ignoranz – Mutter aller Rassismen, Nationalismen, Chauvinismen, Sexismen – mündende Todsünde, und sie verweist auf die ausgestorbene Spezies des Großstadtbewohners, des Flaneurs: Er entrann den Erscheinungen der Melancholie, die Benjamin aufzählt, indem er, durch die Straßen kreuzend, registrierte, was er sah, festhielt, was er reflektierte.

Er machte seine Schwermut zum Material, zu Literatur, zu Bildern, die noch uns im Überleben helfen. Weniger Erklärung, als – neuer Zug – überraschende Konstellationen von dialektischer Sprungkraft. HIMMEL UND HÖLLE, ein anderes Feldspiel, Kinderspiel, das Hopsen und zugleich Figurenwerfen ist, gibt davon das schönste, leichteste Bild.

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