Pjotr Silaev

THERMOGRAPHIK STOLPERSTEINE


Interaktive Videoprojektion, 2020

portfolio

Pjotr Silaev, der in Deutschland bislang vor allem unter dem Pseudonym DJ Stalingrad publiziert hat, entwickelt für Modell Berlin eine Thermographische Installation der inzwischen über 8000 in Berlin verlegten Stolpersteine, die an die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der Berliner vor allem jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft durch die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 erinnern.

Silaevs Videoinstallation zeigt den Brand der Repressionen, der sich in den „gefrorenen Feuern“ der Messingblöcke abbildet. Die visualisierten Feuer verbreiten sich dynamisch entsprechend den Daten der Verhaftungen; im Zentrum der Installation steht die am stärksten von den Repressionen betroffene Region, deren bauliche Substanz – Häuser, in denen die Verfolgten lebten – heute noch erhalten ist. Per Drohnenflug durch die Straßen des Berlin von 2020 gelangen wir von einem Verhaftungspunkt zum nächsten und erkennen so die graphisch erzeugte Aktualität eines „es geschah mitten unter uns“. Über eine interaktive Live-Webseite gelangen wir aus der thermographischen Ansicht zu Stadtplänen von damals und heute und können den Weg, den die Repressierten nehmen mußten, nachverfolgen und mit historischen Daten ergänzen. Silaevs „Thermographik Stolpersteine“ versteht sich als ein Unter-Pfad, ein Cross-Mapping des weltweiten Initiativprojekts „Mapping the City“, das urbane Wandlungen unserer Zeit verfolgt.

Pjotr Silaev


geboren 1985 in Moskau. Journalist, Datenforscher und Schriftsteller, lebt in London. Studierte an der Staatliches Universität der Geisteswissenschaften, Russland Religionswissenschaft und Sozialanthropologie. Sein Kurzroman Исход (Exodus) wurde 2009 in Russland veröffentlicht und vielfach übersetzt, 2013 erschien er auf Deutsch bei Matthes & Seitz Berlin. Silaev arbeitet als Journalist bei www.reuters.com/investigates und er ist leitender Forscher beim Takie Dela Online-Magazin www.takiedela.ru. Er veröffentlichte in den letzten Jahren zahlreiche Artikel in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hufvudstadsbladet, Newsweek, Kommersant und anderen. 2015 drehte er die Dokumentation „The Faroes: democracy in the ocean“ (2015) für den unabhängigen Sender TV Rain, Russland.

Burning Stones of Berlin

 

Jeder Besucher Berlins hat sie gesehen. Die in die Bürgersteige der Stadt eingelassenen Messingtafeln – „Hier lebte …“ – die Stolpersteine der beklemmenden Erinnerung.

 

Der Künstler Gunter Demnig hat das Projekt der Stolpersteine vor mehr als 25 Jahren begonnen. Es ist die größte dezentralisierte Gedenkstätte der Welt und besteht aus inzwischen mehr als 75.000 Stücken. Jahre rigoroser Recherche und gemeinschaftliche Bemühungen verschiedener Organisationen waren und sind nötig für den Aufbau eines umfangreichen Datensatzes der Opfer des Naziterrors der 1930-1940er Jahre, insbesondere zu den Einzelheiten der ersten Verhaftungen.

Die Daten werden auf Karten der heutigen Städte geschichtet, wodurch eine Matrix von Adressen, Namen und Daten entsteht. Der Künstler und seine Mitarbeiter stellen handgefertigte Messingplatten her und pflanzen sie auf das Pflaster an der Adresse der ersten Verhaftung einer Person: „Hier lebte …“. Sie, die hier lebten, fordern ihre Häuser als Bürger und Bewohner zurück.

 

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam und die meiste Zeit in Kreuzberg und Neukölln verbrachte, war ich erschrocken über die Dichte dieser Tafeln. Allein in Kreuzberg gibt es etwa 600 Gedenktafeln, praktisch in jeder Straße gibt es Cluster dieser winzigen Gedenkstätten. Ein gewaltiger Holocaust-Brand verzehrt Block für Block, Woche für Woche, Tag für Tag – fast ein Jahrzehnt lang.

Die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin unterhält die Website https://www.stolpersteine-berlin.de/ und die Datenbank, die alle Geodaten über die Berliner Stolpersteine enthält. Sie wurde zur Grundlage für zwei Visualisierungen:

– einer interaktiven Karte von Berlin, die die Dichte der Gedenkstätten von der Bezirksebene bis hinunter zu einem einzelnen Gebäude zeigt.

– einer Videotour auf Google Earth, die die Gebäude in Kreuzberg und Nordneukölln, in denen die ersten Festnahmen stattfanden, chronologisch markiert. Die Musik für diesen Teil wurde von Michael Busch komponiert.

 

Credits

Gunter Demnig, Kunstprojekt Stolpersteine, Koordinierungsstelle Berlin, Michael Busch

Burning Stones of Berlin

 

Every visitor of Berlin has seen them. The brass plaques embedded into pavements of the city – ‘Here lived…’ – the ‘stumbling stones’ of troubled memory.

 

Artist Gunter Demnig started the Stolpersteine project more than 25 years ago. It’s the world’s largest decentralized memorial, consisting of more than 75 000 pieces. Years of rigorous data research and communal efforts of various organizations helped building an extensive set of information about victims of Nazi terror of 1930-1940s, in particular the details of initial arrests.

The data is then layered on top of maps of modern cities, creating a matrix of addresses, names and dates. The artist and his collaborators make unique handcrafted brass plates and plant them on the pavement at the address of the initial arrest of a person: ‘Here lived…’. The individuals are reclaiming their homes as citizens and residents.

 

When I first came to Berlin many years ago, spending most of my time in Kreuzberg and Neukoelln, I was startled by the density of these plaques. There is about 600 plaques in Kreuzberg alone, virtually every street has clusters of these tiny memorials. A tremendous fire of the Holocaust has been consuming block by block, week after week – for the duration of almost a decade.

Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin has been maintaining the site https://www.stolpersteine-berlin.de/ and the database that contains all the geospatial data about Berlin’s Stolpersteine. It became a foundation for two visualizations:

– an interactive map of Berlin, showing density of the memorials from the district level and down to a single building.

– a video tour performed in Google Earth, chronologically marking the buildings in Kreuzberg and Northern Neukoelln where the initial arrests were made. Music for this piece was composed by Michael Busch.

 

Credits

Gunter Demnig, Kunstprojekt Stolpersteine, Koordinierungsstelle Berlin, Michael Busch