Nicht Ohne Gespenster

Marcus Steinweg

Liest man Walter Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert gewinnt man den Eindruck, in ein Schreiblabor geraten zu sein. So abgeschlossen einzelne Texte des Manuskripts auch sein mögen, so stark kommunizieren die Texte untereinander. Man meint, sie tuscheln und wispern zu hören. Das Ganze brodelt noch und fügt sich nicht in eine endgültige Form. Man hat den labyrinthischen Zug von Benjamins Schreiben hervorgehoben. Man müsste ergänzen, dass jeder Text wie eine Kammer oder ein verwunschenes Zimmer an die Gesamtstruktur des zum Buch gewordenen Labyrinths anschließt. Leser und Leserinnen bewegen sich in ihm wie Figuren in Computer Games. Überraschungen nicht ausgeschlossen, Gefahren und unverhoffte Begegnungen mit der Kinderfantasie entsprungenen Gespenstern ebenso nicht.

Zweifellos war es das, was den Philosophen Jacques Derrida an Benjamin faszinierte: das Experimentelle seines Schreibens, die offene Form der von ihm generierten Textur. Benjamins Text franst in alle Richtungen aus. Er kommuniziert mit einem Außen, das er immer wieder neu in die Schreibbewegung einholt. Die Kindheitserinnerungen bewegen sich an der Trennscheide von soziohistorischer Realität und traumähnlichen Gespinsten. Benjamin schenkt beiden Dimensionen ungeteilte Aufmerksamkeit. Bereits hier, im Keim, seine metaphysische Poetologie: Sie vereint materielle Gegebenheiten mit der Kraft der Einbildung, die den märchenhaften Aspekten des Wirklichen Rechnung trägt.

Das verbindet Benjamin mit Robert Walser, über die jeweiligen Berliner Jahre hinaus. Beiden gelingt es, inmitten des Weltwirklichen Gespenster zu empfangen. Sie sind Indizien einer nicht im Präsentischen aufgehenden Welt. Die Gegenwart von Gespenstern – ein Text der Berliner Kindheit ist Ein Gespenst überschrieben – soll den Entzugscharakter des Wirklichen markieren, seine Unabgeschlossenheit. Keine Gegenwart ohne Gespenster! Bei Benjamin, bei Walser, bei Kafka nicht.

Ihre Texte geraten zu Gespenstergeschichten, insofern sie sich den Unschärfeanteilen der Welt öffnen, dem Zauber und den Geheimnissen, die sie für jeden bereithält, der sich ihr mit der Unbefangenheit des Kindes nähert, das den Tatsachenautoritäten kritisch gegenübersteht. Sinnliche Welt klappernder Geräusche und lockender Düfte. Welt, die ihrer Entzauberung widersteht, solange das Kinderbewusstsein sich in ihr, statt kenntnislos oder naiv, mit strenger Urteilsenthaltung und analytischer Sorgfalt bewegt. Bis in die späte „Passagen-Arbeit“ hinein, hat sich Benjamin der falschen Alternative von entweder Realismus oder Idealismus entzogen. Sämtliche seiner Texte exemplifizieren seine Bereitschaft, sich der Welt, ohne eine Sekunde aus ihr herauszufallen, mit der Unbekümmertheit desjenigen zu nähern, der ihr irgendwie nicht angehört. Benjamins Berlinerinnerungen schildern eine Stadt, eher als Versprechen, denn als Gegebenheit. Sich in ihr zu bewegen, bedeutet, sich in ihr zu verirren. Nur so hat sein Schreiben eine Chance, an ihrer Wirklichkeit nicht vorbeizusehen.