Naziparkbank

„Das Betreten des Berliner Zentrums, der Besuch von Parks, Bädern und anderen öffentlichen Einrichtungen ist Juden verboten. Die gelben Bänke sind für Juden i.S.d. Reichsbürgergesetzes zur Benutzung freigegeben.“

6.12. 1938

Ich saß noch nicht lange auf meinem Platz, als zwei große Männer über den Fahrdamm langsam auf mich zukamen. Sie waren nicht einfach groß, sie waren riesenhaft wie die Karyatiden an den Eingängen der Gründerzeithäuser, ihre mächtigen Körper waren von messingbeschlagenen Lederschürzen bedeckt. Ihresgleichen hatte ich schon oft gesehen. Damals brachten noch zwei- oder vierspännige Wagen die Bierfässer in die Läden und Gaststätten; auf dem Bock der stattlichen, festlichen Wagen saßen die athletischen Männer, welche die schweren oldenburgischen und belgischen Pferde lenkten. Die Tiere, ihren Meistern an Kraft und Würde ähnlich, waren schön geschmückt, ihre Mähnen waren mit Bändern durchflochten, die Messingbeschläge an ihrem Geschirr blitzten. Die beiden Männer, die blond und rotgesichtig auf mich zuwandelten, wollten offenbar ihr Arbeitspause an diesem Platz verbringen. Sie hielten Bierflaschen und Pakete mit Frühstücksbroten und würdigten mich keines Blicks. Schon wollte der eine sich auf die Nachbarbank niedersetzen, als der andere ihn mit einer Handbewegung zurückhielt. „Nein, Karl“, sagte er mit tiefer Stimme, die sich aus ihm erst hervorarbeiten mußte und einem leisen Brüllen glich, „nein, nicht hier. Dort ist unser Platz,“ und beiden gingen weiter und ließen sich auf der Bank nieder, die die Aufschrift „Nur für Juden“ trug.

 

Stephan Hermlin, Abendlicht, 1979