Kommunikation als Gegenstand von Anthropologie und Soziologie

Ferdinand Kriwet (1942-2018).

Schriftsteller und Mixed Media Künstler.

Unserer Meinung nach, dass die Architektur mehr mit den Menschen kommuniziert als jede andere Form der Kunst. Wir können Architektur sehen. Wenn wir durch die Stadt gehen, setzen wir uns in Beziehung zu ihr.

Der Rhythmus der Fenster, der Türen, der Säulen, die Dynamik der Gebäude bestimmen unsere Bewegungen, Schrittlänge, Atemfrequenz. Wir hören den Lärm von Autos, Bahnen, Bussen, wir hören Fahrräder, Gespräche in verschiedenen Sprachen, die Glocken der Kirchen, Schritte. Und das alles wird durch die Architektur der Stadt determiniert, genauer gesagt, ihre Akustik. Wir können die Stadt riechen, wir riechen die Abgase und wir riechen, wo überall gegessen wird. Meine Straße riecht z. B. nach einem Vietnamesischen Restaurant, einer Wäscherei, einer Bäckerei, einem Dönerladen, aber das ist in der Nähe meines Hauses. Die S-Bahn-Station Greifswalder Straße findet man ohne zu gucken – sie riecht nach Abwasser. Wir fühlen die Stadt mit unseren Körpern. Auf engen Straßen sind wir gezwungen, unsere Bewegungen zu kontrollieren. Die Straße geht bergauf – wir strengen uns an, die Straße geht bergab – wir beschleunigen unsere Schritte. Eine gerade und lange Straße lenkt unseren Blick in die Ferne und zieht uns nach vorne.

Leninallee 1973

„Meine erste Berlin-Erfahrung war die S-Bahn, besonders die Ringstrecke, auf der man immer den gleichen Kreis durch Berlin und um Berlin herum fahren konnte. Das erste, was mir auffiel: Auf dem Ostring gab es hintereinander die Haltestellen: Leninallee – Zentralviehhof – Stalinallee, diese bösartige Reihenfolge.“ (Heiner Müller, KRIEG OHNE SCHLACHT, 1992)

Alt Treptow:Kreuzberg 1990

Ab Lenin wird es ernst, da geht es auf den Zentralviehhof zu. Vorher schon die große Rampe, über die sie Schweine, die Ochsen, die rasierten Schafe treiben, die das Kind nie sieht, aber oft genug hört und das reicht. Der Geruch, der hier immer hängt, als ob sich einer lange nicht gewaschen hat, der Gestank wie ein Nebel, Schreien und Quieken und gebrüllte Kommandos, das sollte Fleisch sein vom Fleischkombinat. Dann fährt die S-Bahn als Betriebsbahn mit den Leuten, die sie von der Plattform gegen billig Wechselgeld bekommen hat, durch die Fabrik, die ziegelroten Häuser, die der Ruß schwarz gemacht hat, am turmhohen Aufbau vorbei, aus dem oben, höher als ein Kran ist, die Schiene ragt, von der eine Baggerschaufel nach unten auf den gerade noch entwischenden S-Bahnzug stürzt.

Bouchéstraße-Harzer Straße - Berliner Mauer, 18.11.1989

 Der Zentralviehhofbahnhof, mit näher in Storkower Straße umbenannt, fällt zurück, und wo der Schlachthof war, strecken sich leerstehende Mietshäuser zwischen Industriedenkmalen aus, heute. Das Gerippe der Kälberauktionshalle, die Darmschleimerei mit den zierlichen Pilastern, den 20 Meter über den Gleisen aus dem Kraftwerk hängende Kohlekontainer, aus dem keine Kohle mehr in keinen Schacht fällt, passiert man mit der Bahn als lebende Strukturanpassungsmaßnahme, zu sagen zur Ansicht, was alles Lebendiges kommt.

Bernauer Strasse 1973

… die MAUER in der Stadt, die Schlagkraft der Horizontalen)

In den Hamburger Gängevierteln – hier im Hof der Steinstraße 3 um 1910 – herrschten Not und Elend.

Mit der Entwicklung der Sozialwissenschaft im 20. Jahrhundert entwickelt sich auch die soziale Funktion der Architektur, das heißt, sie wird sichtbar, sie wird anaylsiert. Deutlich wird, dass die Architektur die soziale Spaltung der Gesellschaft unterstreicht.

Die in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende industrielle Revolution, der technologische Fortschritt, die politischen und ökonomischen Folgen der Gründerzeit auf dem Kontinent, dort zuerst im Deutschen Reich und in Frankreich, hatten als brachialer Katalysator auf die Entwicklung vor allem der Ballungszentren gewirkt. Fast überall war die Nachfrage größer als das Angebot. Städte wurden Großstädte, Großstädte wuchsen zu Metropolen, Fabriken entstanden, Unternehmen wurden zu Konzernen, in den Arbeitervierteln pferchten sich die Massen, Wohnraum war knapp, die früheren Randgebiete, die ans Zentrum heranwuchsen, wurden mit Mietskasernen befriedet. Es ist nicht überraschend, dass in einer solchen Situation die Unzufriedenheit mit dem Kapitalismus wächst und kommunistische und sozialistische Ideen heranreiften.

Mit „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ schrieb der junge Friedrich Engels im Jahr 1842 die erste umfassende Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, der Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats im industrialisierten England. „Die Lage …“ ist die erste Schrift einer neuen Wissenschaftsrichtung, der Stadtsoziologie. Engels‘ Erkenntnisse wurden wesentlich für die Abfassung des „Manifest der Kommunistischrn Partei“ mit Karl Marx im Jahr 1848.

Nach dem Ersten Weltkrieg und in Folge der Oktoberrevolution in Russland entwickelten junge, von der kommunistischen Idee begeisterte Architekten das Konzept eines „neuen Massemenschen“. Ihre Projekte des kollektiven Wohnens wurden durch die Werke von Charles Fourier (1772–1836) inspiriert. Fourier entwickelt das Konzept des „Phalanstère“ – einer Wohnform, in der die Menschen an den Kollektivismus gewöhnt und frei von der Last der Hausarbeit und der Familienbande werden konnten.

Unmittelbar nach der Revolution 1917 in Russland wurden Wohngemeinschaften in verschiedenen Unternehmen und Bildungseinrichtungen und auch spontan von jungen Menschen selbst organisiert. Meistens befanden sie sich in den Wohnungen alter Mietshäuser oder sogar in völlig unangepassten Gebäuden, alten Kasernen oder Fabrikhallen. In vielen Fällen war das kommunale Leben vollständig vergemeinschaftet, vor allem in finanzieller Hinsicht: Zwischen 40 % und 100 % der Löhne wurden vergemeinschaftet, und die Kommunarden erhielten aus der gemeinsamen Kasse Geld für Mittagessen, Straßenbahnfahrkarten und Tabak. Vom gemeinsamen Geld wurden Zeitungen gekauft, Bäder und Kino und Unterhalt gezahlt. Sie durften ohne kollektive Erlaubnis keine Dinge kaufen. Ende der 1920er Jahre schlugen die Konstruktivisten eine neue Art des Wohnens vor, bei der die Kinder gemeinsam erzogen und Wäsche, Reinigung, Kochen und kulturelle Bedürfnisse geteilt wurden.

Leningrad. Hauskommune der Gesellschaft für politische Gefangene. 1933

Die Ein- und Zweifamilienwohnungen hatten Waschbecken, Küchen (oder Küchenschränke zum Erwärmen von Lebensmitteln, die in Thermosflaschen von den Küchenfabriken geliefert wurden) und Toiletten, während Bade- und Waschgelegenheiten entweder in Bad-Dusch-Anlagen für mehrere Wohnungen oder in Bädern und Wäschereien, die Teil des Komplexes waren, vorhanden waren.

Einige Architekten trieben die Idee der Kommune bis zur Absurdität. Nikolaj Kuzmin plante Gemeindehäuser mit Gemeinschaftsschlafräumen für sechs Personen und Doppelbettzimmern („Schlafkabinen“), in die sich Ehepaare nach einem speziellen Zeitplan legal zurückziehen konnten. Solche Gemeinden bestanden bis 1934. Ein Leben unter solchen Bedingungen war unmöglich. Dieses Experiment zeigte vor allem, dass ein Mensch nicht unbegrenzt im Kommunikationsprozess verbleiben kann. Die Zusammenarbeit hat ihre Grenzen. „Die Freiheit der einen Person endet dort, wo die Freiheit der anderen Person beginnt.“ Autor dieses Aphorismus ist der russische Anarchist Michail Bakunin (1814-1876).

Paradoxerweise spiegeln sich die Grundsätze der gemeinschaftlichen Gestaltung in den heutigen Wohnheimen und Hostels wider, in denen Schlafzimmer, Küchen und Flure gemeinsam genutzt werden, während Paare vorübergehend in getrennten Zimmern bleiben können.

Totalitäre Architektur in Beispielen

UDSSR. Entwurf des Palastes der Sowjets in Moskau, 1935, Architekt Boris Iofan

Der Architekt Boris Iofan plante den „Palast der Sowjets“ in Moskau als Palast für eine kommunistische Weltregierung. Seine Höhe sollte 415 m betragen. Der Kommunismus sollte auf der ganzen Welt siegen.

Deutschland. Entwurf eines Wolkenkratzers in Hamburg, 1940, Architekt Konstantin Guchov

Hitler war fast gleichgültig gegenüber Wolkenkratzern; eine Zeit lang interessierte er sich für den Bau großer architektonischer Konstruktionen in Hamburg. Aber in den finalen Plänen für den Ausbau Groß-Hamburgs als „Führerstadt“ hatte der Turm aus irgendeinem Grund nur eine bescheidene Höhe von 250 m. Der Krieg brach aus und der Bau wurde nie begonnen.

Italien. Piacentini-Turm in Genua, 1940, Architekt Marcello Piacentini

Und in Genua baute Marcello Piacentini, der Lieblingsarchitekt Mussolinis, einen Büroturm in bescheidener Höhe von 108 Metern.

UDSSR. Lenin-Mausoleum in Moskau, 1930, Architekt Alexey Shchusev

In Moskau – auf dem Roten Platz, vor dem Lenin-Mausoleum.

Italien. Balkon des Palazzo Venezia in Rom, 1455-1467, Projekt Architekt Leon Battista Alberti

Massenkundgebungen und Aufmärsche vor den Augen eines Diktators sind ein obligatorisches Merkmal totalitärer Macht. In Rom fanden sie auf der Piazza Venezia statt, vor dem antiken Palazzo, in dem der Duce seinen offiziellen Wohnsitz hatte.

Deutschland. Tribüne auf dem Zeppelinfeld, 1937, Architekt Albert Speer

Und in Deutschland auf dem großen Feld bei Nürnberg und in Berlin auf dem Olympiagelände.

UDSSR. Gestaltung der Allee und des Palasts der Sowjets

Als höchstes Gebäude Moskaus sollte der Palast der Sowjets die architektonische Dominante der Stadt sein, einfach gesagt – ihr Zentrum. Es sollte eine breite Allee zum Palast angelegt werden, und die Straßen sollten in Strahlen auslaufen. Der endgültige Entwurf der Allee wurde jedoch nie angenommen.

Deutschland. Entwurf der Münchner Hauptallee, 1938-1941, Architekt Hermann Giesler

Im Deutschland der Nazizeit sollten alle größeren Städte umgebaut werden, und jede Stadt sollte eine zentrale Magistrale erhalten, die für Massenparaden bestimmt war. In München sollte die Allee 6 km lang sein und an einem Ende in einem Bahnhof mit einer 200 m hohen Kuppel und am anderen Ende in einem doppelt so hohen Obelisken enden. Berlin sollte zur Welthauptstadt Germania werden, mit Bauten von nie dagewesener Größe, mit Alleen über die Nord-Süd- und Ost-West-Achse von nie dagewesener Breite und Länge.

Italien. Via Conciliazione in Rom, Projekt 1936, Architekt Marcello Piacentini

Mussolini ließ zwei Alleen durch das historische Rom anlegen. Eine davon sieht heute aus wie eine mehrspurige Autobahn inmitten antiker Ruinen. Eine weitere Allee verband den vatikanischen Palast mit dem Zentrum von Rom. Die römischen Päpste waren generell der Meinung, dass es so etwas wie einen Staat – Italien – nicht gibt. Mussolini betrachtete es als großen diplomatischen Sieg, dass er endlich mit dem Papst verhandeln konnte. Die breite und kurze (nur 500 Meter) schnurgerade Straße ist ein Denkmal für diesen Sieg.

Italien. Stadio dei Marmi im Mussolini-Forum in Rom, 1928, Architekt Enrico Del Debbio
UDSSR. Das zentrale Lenin-Stadion. Zentrales Lenin-Stadion, 1956, Architekt Alexander Wlassow
Deutschland. Olympiastadion in Berlin, 1936, Architekten Werner March und Albert Speer

Mussolini ließ zwei Alleen durch das historische Rom anlegen. Eine davon sieht heute aus wie eine mehrspurige Autobahn inmitten antiker Ruinen. Eine weitere Allee verband den vatikanischen Palast mit dem Zentrum von Rom. Die römischen Päpste waren generell der Meinung, dass es so etwas wie einen Staat – Italien – nicht gibt. Mussolini betrachtete es als großen diplomatischen Sieg, dass er endlich mit dem Papst verhandeln konnte. Die breite und kurze (nur 500 Meter) schnurgerade Straße ist ein Denkmal für diesen Sieg.

Deutschland. Pavillon auf der Weltausstellung in Paris, 1937, Architekt Albert Speer
UDSSR. Pavillon auf der Weltausstellung in Paris, 1937, Architekt Boris Iofan
Italien. Palast der italienischen Zivilisation in Rom, 1938-1943, Architekten Giovanni Gverrini et al.

Die Pariser Weltausstellung von 1937 ist berühmt für das Architekturduell zwischen Nazideutschland und der UdSSR. Ihre Pavillons standen sich gegenüber, und obwohl der sowjetische Pavillon kleiner war, war er dank der Skulpturengruppe von Vera Mukhina bedeutender.

Um eine weitere Runde zu gewinnen, bot das faschistische Italien an, die Weltausstellung 1942 auszurichten, wobei die italienischen Architekten nicht nur den italienischen, sondern alle Pavillons bauen sollten. Die Ausstellung fand nicht statt, und der Komplex war nur zur Hälfte fertiggestellt. Das Hauptgebäude, ein weißer Kubus mit einer Reihe von Bögen, wurde erst 1943 fertig gestellt. Der Palazzo della Civiltà Italiana, eines der unvergesslichsten Bilder der Architektur des 20. Jahrhunderts.