Gleisdreieck

Olga Hohmann

In der Nähe meiner Wohnung befindet sich ein Park, den ich normalerweise nie betrete. Angesichts der „beispiellosen Zustände“ dieses Frühjahrs bin ich nun gezwungen, das Repertoire meiner Alltagshandlungen zu erweitern, und so unternahm ich einen Spaziergang dorthin.

Der auf stillgelegten Eisenbahnschienen liegende „Park am Gleisdreieck“ (der erst kürzlich aus dem Boden gestampft bzw. in den Boden hineingestampft wurde), ist von einer Mauer umgeben, die ihm den Anschein der Exklusivität einer Gated Community verleiht. Innerhalb dieser Festung warfen Leute Frisbees hin und her, fuhren Inline-Skates (mit Helm) und saßen, im Zwei-Meter-Abstand aufgereiht, in Halbkreisen auf dem hellgrünen Rasen, sich gegenseitig Smoothies der Marke „Freche Freunde“ reichend. Viele dieser Menschen trugen Active Wear in fröhlichen Farben (ganz offensichtlich frisch von einem Amazon-Händler ausgeliefert), Nannies trugen Picknick-Körbe, ein junger Mann mit blonden Dreads machte einen Capoeira-Handstand.

Ich fühlte mich an die überlebensgroßen Werbetafeln erinnert, auf denen Architekturbüros ihr Gebäude vor Baustellen präsentieren, nur dass das Gebäude in diesem Fall eine leere Fläche war. Auch die Menschen auf dem kurz gemähten Rasen schienen Teil eines Modells zu sein. Wie die virtuellen Avatare auf diesen Darstellungen illustrierten sie ausschließlich das „dem Raum angemessene“ Verhalten. Die Menschen im Stadtpark schienen ihre eigenen Handlungen nur zu simulieren.

Als Teenager spielte ich exzessiv ein Computerspiel namens „The Sims“. Die Hauptaufgabe bestand darin, die Figuren am Leben zu erhalten, indem man ihre Grundbedürfnisse erfüllte. Den Sims standen ca. sieben verschiedene Bewegungen zur Verfügung, mit denen sie diese Bedürfnisse demonstrieren konnten. Das undurchschaubarste jener Bedürfnisse war die Forderung nach „Freizeit“. Um „Freizeit“ zu erfüllen, performten die Sims verschiedene Aktivitäten, die sozialer oder sportlicher Natur waren, meistens auf hellgrünen Rasenflächen. Über ihren Köpfen befand sich ein rotierender Diamant, der seine Farbe je nach Wohlbefinden des Individuums änderte – wenn der Diamant rot wurde, war das ein schlechtes Zeichen, wenn er grün war, war der entsprechende „Sim“ in guter mentaler und körperlicher Verfassung.

Von einem Moment auf den anderen kam es mir so vor, als ob alle in der Parkanlage, die „Freche Freunde“ schlürften und neonfarbene Frisbees herumwarfen, grüne Diamanten über den Köpfen hätten – als ob sie, nur drei verschiedene Bewegungen ausübend, ihren „Freizeit“-Balken aufluden.

Die ausgestellte Gesundheit und die Tatsache, dass es auf der Rasenfläche nichts gab, wohinter sich etwas hätte verstecken können (zum Beispiel einen Baum oder, noch besser, einen Haufen Müll) gab dem so transparenten Raum etwas Unheimliches, fast Zweidimensionales. Und während ich meine idyllische Umgebung betrachtete, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass der rotierende Diamant über meinem eigenen Kopf anfing, sich von Grün in Orange zu färben – und dann Stück für Stück immer dunkler, bis er rot war. Ich ging nach Hause und beschloss, diesen dystopischen Ort des Wohlstandes nicht mehr zu betreten. Stattdessen lud ich „The Sims Free Play“ herunter. Ich bin jetzt auf Level 4, was bedeutet, dass ich mir eine XXL Couch, eine „Wohnlandschaft“, kaufen kann.

Olga Hohmann, aufgewachsen in Berlin und Weimar, ist Autorin und Performancekünstlerin und wohnt in Berlin Kreuzberg.