Der Polizist als Modellfall

Gerhard Hommer

Babylon Berlin kann uns glauben machen, ein charismatischer Kriminalpolizist wie Gereon Rath verkörperte das Berlin der angeblich schillernden 20er Jahre. Ein Wahrzeichen der Epoche und Stadt war aber vielmehr der ganz und gar nicht glamouröse Schupo. Warum ist das so? Die Reichshauptstadt wurde historisch just in dem Moment zu Groß-Berlin, da das Deutsche Reich seine Großmachtstellung mit dem Ersten Weltkrieg eingebüßt hatte. Auf die Allüren als Weltmacht folgte die Stilisierung Berlins als „Weltstadt“. In der Weimarer Republik wurde die politische Agenda neu sortiert. Die Außenpolitik hatte nicht mehr oberste Priorität. Es ging nun darum, die innere Ordnung insbesondere in der Reichshauptstadt zu garantieren. Entsprechend lief die Polizei dem Heer den Rang als bedeutendstes Symbol der Staatsgewalt ab. Die Berliner Polizei wurde in allen Abteilungen modernisiert, vergrößert und war auf den Straßen jetzt präsenter als während der preußischen Monarchie. Behörden und Politik bemühten sich, das Vertrauen der Stadtbewohner für die Ordnungsmacht zu gewinnen. 1926 bewarb etwa der preußische Innenminister die Polizei als „Freund, Helfer und Kamerad der Bevölkerung“. Kindern wurde in Schulbüchern der Beruf des Schupo als „König der Straße“ angepriesen: „Alles gehorcht seinem Winke. Ich möchte wohl auch Schupo werden.“ Zwar stieß die Idee einer „Volkspolizei“ in der Berliner Einwohnerschaft auf Widerstände, und natürlich gab es begründetes Misstrauen in die politische Loyalität der Beamten. Bemerkenswert ist jedoch, dass in der Reichshauptstadt die neue Staatsform mit einer Allgegenwärtigkeit der Staatsgewalt einherging: Der Schupo gehörte fest zum Straßenbild der Berliner Republik.

Die innere Ordnung wurde in den 20er Jahren zusehends auch als eine Angelegenheit der Verkehrsregelung begriffen. Anlässlich der Allgemeinen Polizeikonferenz im Oktober 1926 in Berlin erkannte ein Vortragender „ein interessantes Zeichen der Zeit“ darin, „daß die Erörterungen auf einer Polizeikonferenz sich im wesentlichen auf Verkehrsfragen erstrecken.“ Auch die Behörden wurden demnach von der regelrechten Verkehrshysterie ergriffen, die im öffentlichen Diskurs herrschte. Man berauschte sich seinerzeit am sogenannten „Weltstadtverkehr“. Berlin inszenierte sich als „schnellste Stadt der Welt“. Der neue Geist des Funktionalismus, von dem Polizeibehörden, Kommunalpolitik und Stadtplanung bestimmt waren, musste in der Praxis aber erst mühsam durchgesetzt werden. Der Schupo fungierte dabei als Verkehrserzieher. Die Passanten hatten zu lernen, dass Berlin nicht mehr primär eine Fußgängerstadt war. Sie konnten sich nicht mehr bewegen und stehen, wo und wie sie wollten, denn die Fahrbahn war nunmehr für das Automobil reserviert. Das Paradigma des Verkehrs bedurfte einer Beaufsichtigung der Fußgänger: So wurde etwa der 1924 am Potsdamer Platz installierte Verkehrsturm, die erste Ampelanlage in Deutschland, anfangs von Polizisten betrieben, weil die Behörden der Folgsamkeit der Passanten misstrauten. Die Straßenszene von vor 100 Jahren erinnert uns daran, dass Zirkulation untrennbar mit Disziplinierung verbunden ist. Der Schupo steht für ein neues Modell der Stadt: Berlins Straßen entwickelten sich vom Lebens- und Sozialraum zu Verkehrskanälen.

Gerhard Hommer ist Niederbayer und Literaturwissenschaftler. Er arbeitet über das Berliner Straßenleben in der Literatur der Weimarer Republik und lebt seit 2019 in Berlin.