Das Kulturforum der Flaneure

Stephan Schütz

Berlin stellt in diesen Tagen die Vorherrschaft des Autoverkehrs infrage: Pop-up-Radwege machen stark befahrene Straßen zu einspurigen Passagen, die Friedrichstraße oder die Bergmannstraße wurden sogar abschnittsweise ganz für den Autoverkehr gesperrt, was zugleich den Handel beleben soll. Wäre es nicht denkbar, Kultur und Bildung am Kulturforum einen ähnlichen Stellenwert einzuräumen?

Was hätte der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin wohl gedacht und notiert, wenn er dieser Tage zwischen Landwehrkanal, St. Matthäus-Kirche und Potsdamer Platz unterwegs gewesen wäre? Der Flaneur, der Berlin 1933 verlassen musste, kannte die Stadt noch zu einer Zeit, als das Tiergartenviertel mit seiner Villenbebauung im Volksmund „das Geheimratsviertel“ hieß. Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer plante hier den Mittelpunkt der megalomanischen Nord-Süd-Achse der „Welthauptstadt Germania“. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg markierte Hans Scharoun als Stadtbaurat den Neuanfang mit einem radikalen Vorschlag: Gemäß seinem „Kollektivplan“ sollte Berlin dem Urstromtal der Spree folgend neu angelegt werden. 1958 entstanden dann im Wettbewerb „Hauptstadt Berlin“ konkrete Ideen, den Tiergarten nach Süden zu erweitern. Neben einzelnen Wohnbauten sollte dort lediglich die St. Matthäus-Kirche erhalten und wiederaufgebaut werden.

Symbolträchtig war der erste Kulturbau, der hier entstand, die Philharmonie von Hans Scharoun, deren zeltartiger Weinbergsaal als Innovation des Konzertsaalbaus in Europa galt. Ursprünglich an der Bundesallee geplant, legte das Abgeordnetenhaus 1959 den heutigen Standort fest, an dem als NS-Hinterlassenschaft noch der gewaltige Rohbau des „Haus des Fremdenverkehrs“ stand. Der später nachgereichte Bebauungsplan zeigte erstmals die raumgreifende Verkehrsplanung mit der Stadtautobahn östlich der Philharmonie, der „Westtagente“ und der neuen Trasse der Potsdamer Straße nördlich des Landwehrkanals. 1962 folgte die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe.

So kam es, dass Ende der 1960er-Jahre zwei Ikonen der modernen Architektur in „Splendid Isolation“ zusammen mit der St. Matthäus-Kirche ein Gebiet aufspannten, das 1963 mit Hans Scharouns Wettbewerbsgewinn für die Staatsbibliothek den Namen „Kulturforum“ erhielt. Scharoun sah darin einzelne Objekte mit unterschiedlichen künstlerischen Intentionen, die sich zu einem Ensemble zusammenführen ließen, ohne einander in ihrem Ausdruckswillen zu behindern. Dabei sollte die Staatsbibliothek das Kulturforum nach Osten hin gegen die geplante Westtangente abschirmen. Die neue Potsdamer Straße stellte sich der Architekt als „Parkway in Tallage“ vor, geformt von den abgetreppten Terrassen der Einzelbauten. Er bezog sich auf eine „verkehrstechnisch bestimmte Situation“, die die Konzeption des Areals bestimmte. Aus heutiger Sicht betrachtet, scheint diese Annahme der wesentliche Fehler gewesen zu sein, der Ausgangspunkt des wohl umfangreichsten städteplanerischen Scheiterns im Berliner Stadtraum war.

Auch wenn die Berliner sich der epochalen Bauten am Kulturforum erfreuen konnten, trat der fehlende räumliche Zusammenhang bald offen zutage, spätestens mit dem verschachtelten Komplex des Kunstgewerbemuseums von Rolf Gutbrod, der heute über eine schräge Ebene, die „Piazzetta“, erschlossen wird. Aus diesem Unbehagen heraus folgten Jahrzehnte ratloser Gutachten und Wettbewerbsverfahren, die aus dem scheinbar Zusammenhanglosen ein harmonisches Ganzes schaffen sollten. Je nach ideologischer Orientierung zielten die Beteiligten mal auf eine Reaktivierung der Scharoun’schen Stadtlandschaft, mal intendierten sie genau das Gegenteil, nämlich die Schaffung urbaner Verdichtung, die durch Ergänzungsbauten westlich und östlich der neuen Potsdamer Straße erzwungen werden sollte.

Weitere wie auch immer geartete Bauten werden hier keine Abhilfe schaffen. Vielmehr geht es darum, die heilige Kuh des Autoverkehrs zu schlachten und das Kulturforum als Stadtraum für Flaneure, Fahrradfahrer und Straßenbahnen neu zu denken. Wie einfach wäre es, den Platz als einen großen zusammenhängenden Raum zu gestalten, der sich bis zu den differenziert gegliederten Vorbereichen der Staatsbibliothek entwickelt. Es müsste nichts abgerissen, auch nichts hochbaulich ergänzt, sondern nur das Vorhandene weitergedacht werden.

Stephan Schütz ist Partner der Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp) und leitet die Standorte Berlin, Peking und Shenzhen. Zu seinen wichtigsten Projekten zählen unter anderem die Neue Weimarhalle in Weimar, das Neue Tempodrom in Berlin, die Christliche Kirche in Peking, das Bürohaus CYTS Plaza in Peking, die Grand Theater in Qingdao und Tianjin, das Chinesische Nationalmuseum in Peking, das Universiade Sports Center in Shenzhen sowie Umbau und Sanierung des Kulturpalastes Dresden.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist mit dem 2019 eröffneten Scharounplatz der Landschaftsarchitekten Valentien + Valentien getan. Der viel diskutierte Entwurf für das Museum des 20. Jahrhunderts der Architekten Herzog & de Meuron definiert nunmehr weitere räumliche Zusammenhänge endgültig: Über Passagenräume wird zukünftig die St. Matthäus-Kirche mit der Potsdamer Straße ebenso verbunden wie die Neue Nationalgalerie mit dem Scharounplatz.

Mit unserem Entwurf für die Sanierung und den Umbau der Staatsbibliothek greifen wir in ähnlicher Weise die bereits von Renzo Piano vorgeschlagene Anbindung der Bibliothek – und damit des Kulturforums – an den Potsdamer Platz auf. So entsteht hier in Ost-West-Richtung durch das Gebäude hindurch eine Verbindung zum Museum des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus werden auf der Ostseite nach Süden zum Piano-See Leseterrassen die Bibliothek zum Stadtraum öffnen.

Problematisch bleibt allein die Verbindung der Staatsbibliothek zur Westseite, wenn hier nicht mutig und entschieden umgedacht wird: Von Scharouns Idee der Potsdamer Straße als „Parkway“ ist hier rein gar nichts zu spüren. Vielmehr wird das Kulturforum von dem überdimensionierten Straßenraum mit seinem Mittelstreifen für die zukünftige Trassenführung der Straßenbahn grobschlächtig zerschnitten. Dabei könnten die Gleise stattdessen, ähnlich wie auf dem Alexanderplatz, platzbündig verlegt werden. Der Straßenverkehr wäre damit wie im Bereich der Wilhelmstraße im Zuge der zukünftigen Tramverlängerung geplant auf jeweils eine Spur beschränkt. Auch die Sigismundstraße zwischen Nationalgalerie und Museum des 20. Jahrhunderts, die historisch nie bis zur Potsdamer Straße reichte, ließe sich in diesen Platzbereich einbeziehen. Gleichzeitig würde das Kulturforum mit den benachbarten Quartieren wie der kulturell und gastronomisch boomenden südlichen Potsdamer Straße, dem Potsdamer Platz und der östlichen Innenstadt ein städtisches Kontinuum bilden.

Nach der Vollendung der Museumsinsel würden mit der hier vorgeschlagenen pragmatischen Vision auch am Kulturforum eine ganz neue stadträumliche Qualität und Atmosphäre entstehen. Dies scheint längst überfällig – im Zuge des Wandels von der autogerechten Stadt zur Stadt der Flaneure.