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Berlinische Leben_1

„Wenn Sie einem jungen Menschen eine herzlose und bösartige Strafe auferlegen wollen, verpflichten Sie ihn, ein Jahr lang Tagebuch zu führen.“

Mark Twain, Die Unschuldigen im Ausland

Tag 110

Größe

Wenn aus Kritik an Kunst neue Kunst entsteht und kein Genre kann sie greifen.

Für Heiner Müller, 9.1. 2022

Foto © Kalle Grünberg

Tag 109

Nur in der Stadt arbeitet Regen als weitere Reflexionsebene: Die Fenster gegenüber, Fenster im Hof, der nasse Asphalt, die Scheiben und Dächer der Autos, Bahnen und Busse, stellen die vervielfachte Spiegellandschaft aus, mit der Regen Traum und Reflexion zusammenbringt.

Tag 108

Am Montag sind wir nach Hamburg gefahren. Es ist einfach so passiert, fast zufällig. Wir mussten geschäftlich, zu Studienzwecken, kunsttheoretisch, nach Hamburg … wir unterrichten gemeinsam, also auf Tour, um an der Fakultät für Design an der Hochschule für (… anonymisiert) eine Vorlesung zu halten.

Tag Schönfeld

Mit ihm verschwand am 13. Oktober eins der seltenen Gesichter der Stadt, in das man ganz unbefangen hineinlachen konnte. Ich kenne keinen, der Konfusion, Zielstrebigkeit und freundliches Zugewandtsein so vereint hat wie der Mann, den alle Schöni nannten, ein Diminutiv passend wie ein Cordjackett.

Tag 106

Passagen sind Häuser oder Gänge, welche keine Außenseite haben – wie der Traum. (Walter Benjamin, Notiz zum Passagenkomplex, ca. 1935)

Im Traum war ich dann in einem sehr schmalen auch nicht übermäßig hohen, glasüberwölbten Durchhaus, ähnlich den ungangbaren Kommunikationen auf primitiven italienischen Bildern…

Tag von Potsdam

Die Vielfalt der Schichten, der der architektonischen, der historischen, ist selten dominant wie in Potsdam. Die Potsdamer Vielschichtigkeit ist ein Kuriosum, ästhetisch, politisch.

Tag 104

Dass in verschiedensten Betrachtungen Berlins immer wieder die Verwaltung im Vordergrund steht und im Vordergrund der Betrachtung der Verwaltung die Probleme mit ihr, hat weniger mit ihrer Dysfunktionalität zu tun als mit dem perversen Interesse der Deutschen an der Verwaltung, sprich der Bürokratie.

Tag 103

Kopieren war noch neu, besonders, dass es unzensiert und ohne Genehmigung ging. Man konnte kopieren was man wollte, wie oft man es wollte, man musste nur bezahlen. Ich tat das im Haus, in dem ich wohnte, am Hackeschen Markt, Neue Promenade 3, in der Steinzeit Kommandantenstraße. Das Haus, grün angestrichen, halb verwest, war ein früheres „Palais von Bülow“, Baujahr 1873.

Tag 101a

Frankreich. Benjamin und Brecht philosophieren am Strand von Le Lavandou/ Côte d’Azur, vermutlich liegend oder komfortabel sitzend, in Korbstühlen vielleicht, Zigaretten und Zigarren, über das Wohnen und seine Formen.

Tag 101

Dear […],

I thought I would write and let you know about my situation. At home it has grown ugly. V., the Landlord tried to kick me out and I fell for it in the beginning and went on a manic search for a new place. Sold stuff. Threw a lot in the dumpster down the street and moved some of my furniture to my friend’s house.

Tag 100

In einer Notiz zum Passagenkomplex bewegt Benjamin den Müßiggänger, den Schatten des Flaneurs, wie eine Schachfigur, führt ihn wie den Springer übers Brett.

Tag 9/9

Just Loomis fährt im Amtrak Train von Burlington/Iowa nach Downtown Los Angeles und schickt aus dem Zug ein Foto einer anderen Bahn, aus Chicago. Das Gleisbett zwischen vermutlich leeren Blocks verlegt. Die Fronten folgen ziegeldunkelrot den in der Kurve verlegten Gleisen, sie neigen sich mit ihnen.

Tag 98

„Da ist Rauch! Rauch!“

Die Kinder schreien. Ich renne zum Fenster, zu sehen, was es ist. Die Pandemie hat uns alle ausgehungert, wir hatten an Ereignissen nicht viel.

Ich hole meine Kamera und fotografiere den Rauch.

Das Haus gegenüber steht in Flammen, es ist kein Wohnhaus, soweit wir wissen, wir sehen über den Hof nur die Brandmauer und können nur ahnen, was dahinter eigentlich brennt.

Tag 97

Das Adlergestell ist die längste Straße Berlins. Die Eiergasse im Nikolaiviertel die kürzeste. Die Gasse geht über 16 Meter; die Straße ist achthundertmal so lang.

Tag 96

  1. dialektische Stufe: die Passage wird aus einem glänzenden Orte zu einem verkommenen
  1. dialektische Stufe: die Passage wird aus einer unbewußten Erfahrung zu etwas durchdrungenem

Noch nicht bewußtes Wissen von Gewesenem. Struktur des Gewesenen auf dieser Stufe. Wissen vom Gewesenen als ein Bewußtsichmachen, das die Struktur des Erwachens hat.

Noch nicht bewußtes Wissen der Kollektive

Tag 95

Benjamin zitiert in den Aufzeichnungen zum Passagenwerk in der Notiz „Baudelaire und die Friedhöfe“ einen kurzen Text aus François Porchés „Schmerzhaftem Leben Baudelaires“ (« La vie douloureuse de Charles Baudelaire », 1926). Baudelaire, mit den Nahtoderfahrungen des großstädtischen Lebens auf dessen dunkler Seite vertraute, sieht – so sieht es Porché – hinter sich auftürmenden Häusermeer der ersten Hauptstadt der Moderne in den Friedhöfen die kleineren Städte.

Tag 94

Man nimmt es nur aus halber Höhe, vom Fahrradsitz, vielleicht auch vom Lastwagensitz aus wahr: Zwischen Alex und Alexa nach Westen zu, die Gruner- Ecke Gontardstraße, gleich nach der Bahnbrücke, am Parkhauskomplex der Rathauspassagen und den freigelegten Fundament des Elektrizitätswerks (*1889 †1919) vorbei, wird die Ansicht einer Festung klar.

Tag 93

Oft ist die Großstadt, sind ihre Passagen und Schaufenster verglichen worden mit Aquarien bei Nacht. Im KAISERPANORAMA spricht Benjamin davon: „Im Jahre 1822 hatte Daguerre sein Panorama in Paris eröffnet.

Tag 92

Heißer Morgen, kurz nach zehn, die Uhrzeit wie vor 68 Jahren ist dieselbe. Die Kränze sind und auch die Rosen um die Platte ausgebreitet, Ecke Wilhelm-, Leipziger Straße: Platz des Volksaufstandes von 1953, vor dem Bundesministerium für Finanzen im Detlev-Rohwedder-Haus, der früheren Zentrale der Treuhandanstalt…

Tag 91

Lesen wir die Stadt historisch – aus der Geschichte heraus, lesen wir aus, legen wir frei – sehen wir nicht nur, wie sich ihre „Fassade“ verändert. Wir sehen das Auftreten, das Verschwinden von Phänomenen in Sprache, Literatur, Theater, Mode, Umwelt, sozialen Beziehungen.

Tag 90

Buchstaben, sagte die Großmutter des Jungen, der auf dem Hof unter dem Raketenklettergerüst saß und sich aus einer Pralinenschachtel einen Fotoapparat baute, sind die Augen der Engel. Augen, die sie sich herausgerissen haben. Sie konnten das Elend und den Unverstand der Menschen nicht länger mit ansehen, und gaben ihnen ihre Augen und Verstand dazu, damit umgehen, schreiben zu lernen und lesen zu können.

Tag Holzwurm

Die Philosophie des Marcus Steinweg ist Sprachphilosophie, seine Sprachphilosophie ist Literatur, seine Literatur eine Dichtung neuer Art. Neu, weil sie die Löcher in den Denkkonstruktionen, die auf Sprache beruhen, besetzt.

Tag 88

Sie konnte die Treppen nur noch rückwärts runtergehen, eigentlich fuhr sie Rollstuhl. Am liebsten wollte sie schwimmen.

Sie wohnte im vierten Stock und schleppte sich und ihre Krücken täglich einmal, einmal mindestens, runter und hoch. Hilfe lehnte sie jedesmal ab, außer wenn es um den Korb ging, in dem die Bierflaschen schwankten.

Tag 87

Berlin ist bereits in all seinen Verhältnissen als eine große Stadt zu betrachten. Diese großen Städte sind, wie man es nehmen will, ebensowohl die Höhepunkte als auch die großen Geschwüre der gegenwärtigen Kulturepoche Europas.

Tag 86

Wir biegen um die Ecke am türkischen Spätverkaufbackshop. Draußen sind von letztem Sommer noch die Korbstühle aus Plaste gestapelt, bis zu zehn übereinander. Auf einem Stapel mittlerer Höhe sitzt eine Frau.

Tag 85

In schmalen wie in breiten / Zeiten

Welche Nachricht wir auch schlucken

Welchen Frust wir immer spucken

Ob mehr, ob weniger Idioten walten

Tag Beuys

          schá

Gestern die Steine von Beuys im Museum gesehen

Mit meinem Sohn, drei Jahre alt und ein halbes. Er ist hingefallen

                          schá

Tag des Sieges

Mir schien, dass am 9. Mai plötzlich alle in Berlin anfingen, Russisch zu sprechen. Es war so viel Russisch, dass ich mich unwohl fühlte. Meine eigene Sprache störte mich. Sie schien mir hier – sie schien mir überrepräsentiert. Dabei verhielten sich alle ganz ruhig: niemand zerbrach irgendwelche Flaschen über irgendwelchen Köpfen oder badete im Brunnen.

Tag 82

Wer heute flaniert in der Karl-Marx-Allee, wandelt auf verlorenem Posten. Die blanke Leere in der Pandemie ist dagegen Hoffnung: sie zeigt mehr als sonst das Skelett der Konstruktion. Eine Rüsche am härenen Kleid der Idee des Sozialismus, eine von in der kurzen Zeit zu vielen, das auch war die Allee.

Tag 81

Tag der Arbeit

01.05. 2021

Tag 80

Benjamins Passagen-Eintrag: „Die Essenz des mythischen Geschehens ist Wiederkehr.“ ist ein Satz zur Großstadt, wie wir sie leben. Diesem Geschehen „ist als verborgene Figur die Vergeblichkeit einbeschrieben, die einigen Helden der Unterwelt (Tantalus, Sisyphos oder die Danaiden) an der Stirne geschrieben steht.“

Tag 79

Es gibt eine Faszination, eine besondere Eleganz, die sich im Unvollkommenen entfaltet, der Charme des Fehlers. Es kann ein Lispeln sein, ein seltsamer Akzent, der Ansatz eines Stotterns, ein unterdrückter Dialekt oder die noch nicht erlangte Sprache der Fremde.

Tag 78

Heute haben wir im Deutschkurs Konjunktiv II gelernt. Und es scheint mir, dass wir während der Corona-Phase alle in ausgesprochener Konjunktivstimmung leben: Es wäre schön, ans Meer zu fahren/wäre toll, wenn die Restaurants geöffnet wären/wäre wunderbar, Freunde zu treffen/wäre wunderbar, mal wieder ins Theater zu gehen/wäre …

Tag 77

The underneath of New York, the American metropolis par excellence, is the most disconcerting of all. Much the same has already been said of London and Paris, as the works of Dickens and Gissing…

Tag 76

Ist kein Titel für ein großes Gedicht, zwangsläufig jedenfalls nicht.

Selbst dann nicht, wenn der Titel auftaucht im Traum, gesprochen

Von der Stimme meiner Großmutter. „Aber die Lage … hat sich geändert“

Höre ich noch…

Tag 75

Noch vor Jahren gab es sie. Sie gehörten zur Stadt wie die Menschen. Sie liefen in Gruppen, zu zweit, zu sechst, zu siebt, über die Wiesen der Parks und Brachen.

Tag 74#3

DIE MAUER als erster systemischer Lockdown Berlins betrachtet. 1961: Osmose der Stadt-/Systemhälften war lebensbedrohlich geworden für die vom Marshallplan nicht umfasste ZONE. Der Westen hatte ihn, den Plan, der Osten hatte die Reparationen.

Tag 73

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

Tag 72

Sie hob die Taschen auf und ging. Dann kam das Erinnern.

Tag 71

Beckett, Dramatiker des Nichts, der aus dem Nichts das Drama geschält hat, wie der Bildhauer das Bild aus dem Stein, der Fotograf das Licht aus Schatten, ist kaum bekannt für Pflanzenliebe. Abgesehen vom Baum in Godots Paradies, aus dem Wladimir und Estragon nicht weichen.

Tag 70

Eine höhere Stufe der Akkumulation nach Marx seit Pop verkörpert die Werbung, und eine noch höhere Stufe dieser Stufe die Verschmelzung der Werbung mit Pop.

Tag 69

„Straßen sind die Wohnung des Kollektivs. Das Kollektiv ist ein ewig unruhiges, ewig bewegtes Wesen, das zwischen Häuserwänden soviel erlebt, erfährt, erkennt und ersinnt wie Individuen im Schutze ihrer vier Wände.

Tag 68

Was abfällt, heben wir selten auf. Wer vom Glauben fällt, ist abgefallen. Sünde ist ein anderes Wort für Abfall. Die Sünde, die Adam an der Hand Evas aus dem Garten Eden fallen ließ, war die erste aller Sünden.

Tag 67

Bioarchäologie oder Auf den Fundamenten des Zentralviehhofs

Tag 66

In einem Ausstellungstext von 1990 schreibt Heiner Müller: „Nach Abschied vom Gleichgewicht des Schreckens betreten wir eine Zone der Unsicherheit.“

Tag 65

In Russland ist Rosa Luxemburg nicht sonderlich bekannt. Geschichtsbücher erzählen flüchtig und selten detailliert über sie. Im Allgemeinen ist ihr Name mit dem Internationalen Frauentag verbunden und auf ewig verknüpft mit dem Namen Clara Zetkin.

Tag 64

so briefly about balancing human rights

Tag 63

Eine Gruppe junger Frauen, zwischen 16 und 20 vielleicht, zwei von ihnen tragen Masken, laufen auf der Straße auf uns zu. Wir, das Kind, das ich auf dem Fahrrad schiebe, und die Mutter, warten an einer Hofeinfahrt mit Bauzaun am unbesuchten Hotel an der Ecke, um die Gruppe, es sind fünf, vorbeizulassen. Wir machen irgendeinen Quatsch, Serjoscha auf dem Kindersitz wirft die Arme in die Luft, zappelt, brüllt irgendwas, ich pralle mit dem Rad gegen den Zaun, ein Baulampe fällt runter, Irina (Name der Mutter) lacht.

 

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Tag 62

Ich, als ich klein war, kannte Karlundrosa als Ganzheit wie das Damunderrrn der Nachrichtensendung am Abend. Sie war auf meiner Seite der Welt, als ich klein war, eine verbotene Sendung. Unsre, die erlaubt war, hieß Die Aktuelle Kamera, aber auch da wurde vermutlich Guten Abend, meine Damunderrrn gesagt, ich dachte immer, das sind eben die und der, wir alle.

 

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Tag 61

„Gefangenes Licht“, ist auch eine Definition von Stadt. Und es müssen nicht Feuer oder Strom- oder Gaslampen oder Leuchtreklamen sein, das kalte Vorfrühlingslicht reicht hin. Die schneidenden und ausgeschnittenen Kontraste, die ausgreifenden Schatten, Eindeutigkeit der Farben, die wir sonst von Küsten kennen, Seelicht in der Stadt, Ostseelicht finden wir hier.

 

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Tag 60

Sie lebt in der Schattenspur, sie ist durch den Winter gekommen, wir wissen nicht wie. Der Winter ist noch nicht vorbei, sagt der Kalender. Sie hockt mit ihrem Wagen, nicht mehr von NETTO, jetzt ein Buggy, der, als ich in so was saß, Sportwagen hieß, voll mit ihren Dingen, vis-à-vis vom Märchenbrunnen auf dem Betonsockel vor dem verlassnen Burger-Restaurant.

 

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Tag 59

Lawrence Ferlinghetti – “Poetry is the shadow cast by our streetlight imaginations.”

 

Der sonnengelb-elektrische, lautlos wippende, die Stadtstädte Berlin verbindende vielrädrige Lichtbogen, für 6 Stationen ab 2 € zu haben. Zutritt derzeit nur mit medizinischer Maske.

 

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Tag 58

Platon im Höhlengleichnis beschreibt den ersten Kreuzweg, den der Erkenntnis, vor dem des Glaubens und Martyriums, den Christus gehen musste. Wir gehen solche Wege heute täglich, nur bemerken wir sie nicht, nicht, was sie bedeuten. Jede Mall nimmt sie uns ab.

 

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Tag 57

Kein außergewöhnliches Phänomen eigentlich, wenn es nicht so selten wäre. Erst die kurzen mit Schnee gefüllten Intervalle zeigen uns unsere Spuren, ihre sich gleichenden, ihre sich ändernden Muster, planlos wie anscheinend zielführend angelegte, bevor sie nach Tagen im Schmelzwasser verschwinden.

 

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Tag 56

Für Carola, für Bert

  1. Du weißt, was ich brauche

Du musst nicht in meine Augen sehn

Du weißt: der allein ist unfähig

Nicht in der Lage seinen Weg zu gehn.

Der macht sich kaputt.

 

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Tag 55

Sehnsucht ist nicht nur die Sucht des sich-nach-etwas-Sehnens, sie auch eine Sucht des Sehnens an sich. Das wird selten bemerkt, und spielt sich zumeist in Ausnahmesituationen nach vorn. Heute morgen im Radio „Schneeinterviews“ auf der Straße, eine fröhliche Frau im Deutschlandfunk erzählt, sie sei 45 und dies ihr erster richtiger Winter…

 

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Tag 54

Städte sind Termitenbauten, voll von Abermillionen Widersprüchen und Geschichten. Je mehr sie nach außen still zu stehen scheinen, um so mehr ist drinnen los. Eine Stadt, um sie zu verstehen, sollte man von oben gesehen haben. Vom Fernsehturm oder Wolkenkratzer her, was sich so anbietet.

 

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Tag 53

Zwischen REWE und BUDNI („Dein Drogeriemarkt seit 1912“, was ich nicht wusste) in der Schönhauser tanzt ein Mann. Bevor man ihn sieht, hört man ihn, das Geräusch. Es ist kein Gesang, kein Sprechen, sind nicht einmal Worte, keine eindeutig auszumachende Sprache.

 

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Tag 52

Wir waren in der METRO Ostbahnhof, wir dachten, alles, was so groß ist, wär auch billig. Wir hatten viel zu viel gekauft, die Kinder dummerweise mitgenommen, und standen mit den METRO-Einkaufstüten in diesem Binnenspeckgürtel wie Unfallopfer an der Autobahn. Es schneite ausnahmsweise, kein Bus fuhr, dunkel war es schon lange.

 

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Tag 51

Gregor Schneiders Bühne, konzipiert für den öffentlich sterbenden Menschen, ein Sakrileg von Beginn, hat ihre Bestimmung in Darmstadt gefunden. Covid-19 und die Folgen sind nur ein Teil der Erkenntnis, die Stalin in vier Worte wie vier Pfosten gesetzt hat: KEINE MENSCHEN, KEINE PROBLEME. Sie ist die Inschrift über Schneiders Tor zur Hölle.

 

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Tag 50#3

Wo wir wohnten. Silberbergerstraße, Volkswohl-, später Anna-Seghers-Straße, Lehmbruck-, Weißenfelser-, Memhardstraße, Hackescher Markt, Belforter Straße, Prenzlauer Allee, Greifswalder Straße, Kreißsaal, Krankenhäuser, Polizeireviere, Friedhofsbesuche nicht gerechnet. Treptow, Friedrichshain, Mitte, Prenzlauer Berg, die Osthalbkugel.

 

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Tag 49

Wir sprachen davon, dass Berlin von oben wie ein Schachbrett von unten aussähe, eins dieser alten mit grauem oder grünem Filz bezogenen. Wenn wir vom Boden, von der Unterseite sprechen, vom Asphalt, der Bepflasterung, den Bürgersteigen, den Hängebauchschweinen und anderen Berlingrundlagen, können wir von denen, die drauf sitzen, nicht schweigen.

 

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Tag 48.2

Während die Welt außerhalb Berlin war immer groß nach den großen Katastrophen. Seit der industriellen Revolution zählen wir drei: Die Zäsuren der Weltkriege und den Mauerfall, denen die Reichsgründung 1871 mit der Reichshauptstadt Berlin als vorausgehen musste.

 

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Tag 47

Während die Welt außerhalb Russlands das Verhältnis der Regierung zu Nawalnyi in mythisch überspannten Bögen zwischen der Farbe von Putins Badehose, altrussischen Volksmärchen und Sanktionen diskutiert, lebt Moskau sein eigenes surreales Leben.

 

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Tag 46

Gestern ging ich einen Freund besuchen. Ich wußte schon nicht mehr genau, ob es zu den verbotenen Dingen gehörte, eine nicht unbedingt notwendige, nicht lebensnotwendige Reise mit der S-Bahn und zu Fuß durch Berlin. Weit bin ich auch nicht gekommen, das heißt, es war eigentlich nicht weit.

 

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Tag 45

Kenneth Goldsmith zitiert in CAPITAL Roland Barthes: „New York setzt sich der Intellektualität aus, und unsere Vertrautheit mit ihr kommt schnell.“ Barthes macht zwei Gründe der geometrisch klar gezogenen Straßenzüge aus: Zu zeigen dass Geometrie den Menschen tötet…

 

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Tag 44

Eine Notiz Benjamins im Passagenkonvolut, festgehalten im Entwurf zu einem „Hauptplan“ als „Nr. 4 Motive zur Passagenarbeit“, lautet: Promiskuität und Feindschaft der Klassen; ihre Kommunikation im Omnibus…

 

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Tag 43

„Die von westlich der Elbe seit 1990 in Potsdam einwachsenden Eliten bauen sich ihre Stadt so zurecht-zurück, dass man nicht anders kann, als in ihnen wirkliche Brecht-Adepten zu erkennen. Ein V-Effekt wie das ganze Retortenretourbauprogramm im Osten, von denen das Humboldtforum den gewaltigsten darstellt.

 

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Tag 42

Einmal hatte ich Berlin allein für mich. Es war der 11. April, die Nacht auf Ostersonntag letztes Jahr. Der erste Lockdown war zwei Wochen alt und pandemisch war niemand erfahren. Noch war Händewaschen wichtiger als Masketragen. Kaufhäuser, Theater und Friseure waren zu, sogar die Gottesdienste wurden abgesagt.

 

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Tag 41

Heute haben wir wie immer während der Übungen im Deutsch-für-Ausländer-Kurs Fragen beantwortet, und wie immer gab es die eine Frage: „Lebst du gerne in Berlin und warum?“ Heute bekam ich von meinen Lerngefährten zwei auf den ersten Blick einander entgegengesetzt scheinende Antworten:

 

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Tag 40

„Aus Ideen werden Märkte. Die Mauer war ja auch eine Idee.“ Heiner Müllers Bemerkung aus einem Gespräch vom Sommer 1990 entfaltet ihr Maß an Realismus erst heute. Der erste Satz ist von der Deutschen Bank, einem Phänomen, das an den eigenen Ideen mehr Schaden als Gewinn nahm.

 

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Tag 39

Wir werden die Zeit, in der es nicht selbstverständlich war, einen Ausflug machen, so schnell nicht vergessen. Kann sein, dass sie uns genau deswegen in Erinnerung bleiben wird. Heute war der Drang nach irgendetwas anderem so stark, dass wir vor den Abenteuern zuhause nach draußen ausgewichen sind und einfach …

 

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Tag 38

Benjamins bekanntestes Bild neben dem vom Engel der Geschichte ist der vom „Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“. Der Zug, von dem die Rede ist, ist der an der Lokomotive der Geschichte, der Revolution, hängende.

 

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Tag 37

Benjamins Schildkröte wird im Passagenwerk erwähnt als Mobile einer Bewegung, die Traum und Erzählung in einem ist. Wir können die Bewegung Flanage, die Geste des Flanierens nennen oder gleich, im Sitzen, Reflexion. Ob Achilles oder du, wer die Schildkröte am Band führt…

 

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Tag 36

Wenn wir über Kommunikation als Alltagsphänomen sprechen, können wir aus utilitaristischer (nicht philosophischer) Sicht sagen, dass Berlin eine Stadt mit kaputter Kommunikation ist. Alle Systeme von Verkehr bis Internet funktionieren, leider, irgendwie, wie soll ich sagen, nicht so richtig.

 

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Tag 35

Im Netz ist alles weiß. Am dritten Vormittag des Jahres hat der ersehnte so seltene Berliner Schnee die Dächer und die Fensterbretter, das vorgestrige Silvesterfeuerwerk, die gerupften Weihnachtsbäume, Festtagstische und -dekorationen und sogar noch Straßen zart bedeckt.

 

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Tag 34

Am Morgen schneite es und auch tagsüber fiel oft Schnee. Später trat etwas Tauwetter ein. Ich verstehe, daß Asja Schnee in Berlin vermißte und unter dem nackten Asphalt litt.

 

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Tag 33

Am 19.3.1979  begegnet Roland Barthes einem alten Freund:

– Sie werden gar nicht älter.

– Sie auch nicht.

– Weil wir immer noch denselben Blick haben.

Barthes meint, dass der Blick nicht altern würde: „Die Leute, die altern, tun das, weil sie keinen Blick haben oder keinen Blick mehr haben.“

 

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Tag 32

„Das neue Jahr ist so beschissen wie das alte, der einzige Unterschied ist, daß das alte Jahr schlecht war und das neue schlechter sein wird … Man darf nicht vergessen, daß je neuer das Jahr, desto näher am Tod…

 

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Tag 31

Die Parzenpause

 

(Nach R. Walser für M. Steinweg)

 

Schlangestehn, das ist normal

Schlangestehn kann jeder mal …

Träum nicht länger, du bist dran

Ein-aus-Atmen, sei ein Mann …

 

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Tag 30

Die Mauer zuhause. Installation für Heiner Müller (30.12.1995)

„Aus Ideen werden Märkte. Die Mauer war ja auch eine Idee.“

 

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Tag 29

Aufgrund der massenhaft steigenden Tendenz, dieses zurückliegende, in die Archive der Geschichte und des kollektiven Gedächtnisses eingehende Jahr zusammenzufassen, haben wir uns entschlossen, dasselbe zu tun.

 

2020 hat uns viel gebracht.

 

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Tag 28

Die Tage wechselten einander ab. Einander so ähnlich wie die Tüten aus dem Supermarkt.

Dovlatow, 1977, New York City

Seltsam, wie jeder Tag der letzten Woche eigentlich dem anderen gleicht: Menschen, die Corona frißt oder Menschen die Corona fressen.

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Tag 27

Heute war es extrem kalt. Der Wind fuhr unter die Kleidung und sogar unter die Haut und hätte wohl auch die Seele erreicht, falls es sie gibt. Ich meine, wenn es eine gäbe, und würde der Wind sie erreichen, wie leicht könnte sie erfrieren … darum machte ich mir Sorgen, als wir zum Spielplatz marschierten, so kalt war es.

 

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Tag 26

Seit dem Jahr meiner Geburt, besagt die Statistik des Deutschen Wetterdienstes, hätte es zehn verschneite Weihnachten in Berlin gegeben, zehn (10) Jahresenden unter Schnee, nicht mehr. Gerechnet von 1963, meinem Geburtsjahr an, ist das weniger als ein Fünftel meiner Lebensjahre, und ausgerechnet jetzt, während ich die Nachricht lese, fällt draußen zum erstenmal in diesem Jahr etwas wie Schnee.

 

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Tag 25

Die Regale sind leer.
Die Krankenhäuser sind voll.
Weihnachten kommt.

 

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Tag 24

Bevor das alles losging, war es längst losgegangen. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr bevor „Covid 19“ als globale Pandemie antrat, ging ein Blatt von Alfred Kubin für mehr als eine Million Euro bei Sotheby’s über den Tisch. „‘Epidemie‘, 1900/1901, Tuschfeder, laviert, gespritzt, auf Katasterpapier, 26,5 cm x 25,7 cm.“ Erstmals Geld in dieser Höhe für eine Arbeit dieses Zeichners.

 

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Tag 23

Zu Fenstern eine Geschichte, die ich zuerst von Heiner Müller gehört habe und Jahre später, mit einer Frage wiederholt, von Peter Voigt, dem Filmemacher. Als verschachtelte Anekdote, die sie ist, muß sie ausgerollt werden:

Im Dezember 1991, wir fuhren im Taxi zur Hanns-Eisler-Witwe Steffy, die in Pankow-Niederschönhausen in der Pfeilstraße einen einsamen Geburtstag feierte…

 

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Tag 22

Es kann kein Zufall sein, daß Kafka seine letzte große Erzählung vor dem Tod in Berlin geschrieben hat. „Der Bau“ erschien posthum im von Max Brod herausgegebenen Sammelband „Beim Bau der Chinesischen Mauer“. Dort enthalten ist auch ein Fragment dieses Titels, das Brod aus einem von Kafkas Notizbüchern heraustranskribiert hat…

 

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Tag 21

Die Stadt ist leer

Der Wind weht

Alles wackelt

Nur die Statuen nicht /

Irgendwann im Frühjahr 2006 fuhr ich mit dem Fahrrad die Prenzlauer Allee Richtung Alex runter. Ich weiß nicht mehr, ob es vor oder nach einem dieser Stürme war, die wir heut mit Sicherheit der Erderwärmung zurechnen würden, jedenfalls waren dieses Fahrrad und  wir…

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Tag 20

Unmittelbar nach der Ankündigung des Lockdowns in Berlin setzt, wie es aussieht, ein endloser Freitag ein. Schlangen ohne Ende winden sich durch die Stadt und wickeln sie ein, würgen ihr die Luft ab wie die Schlangen Laokoon und seinen Kindern. La-la, schla-la, la-la, lo-lo-lo / lange Schlange, lange, lang … Laokoon Lockdown / – alles klingt wie ein Refrain auf ein dadaistisches Lied, und die Menge breitet sich gegen den…

 

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Tag 19

Die Mauer, wenn wir von der Berliner reden, und von welcher sonst? ist eine Muse, die Generationen von Journalisten, Künstlern, Dichtern und Dramatikern, sogar Wissenschaftlern, inspiriert hat. Die meisten hassten sie, kämpften, rannten gegen sie an, doch niemand überwand sie. Und nicht einmal, die sie überwanden, konnten von ihr lassen, wird berichtet.

 

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Tag 18

Berlin verdankt sein Faszinosum noch immer seiner berühmtberüchtigten Verfremdungstechnik, die in einem Satz, einem Wort, benannt werden kann, das phänotypischer als jedes andere hallt. Das Wort ist, wenig überraschend, die MAUER.

 

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Tag 17

Die Greifswalder hat sie durch inzwischen, über die Straße ist sie mit 12 Schritten in Mitte. Zuletzt gesehen wurde sie nur in Berichten, raumgreifende Erscheinung noch immer, ohne Ausstattung jetzt, nur mit Rucksack stapft sie ostwestwärts oder umgekehrt, sagen die, die welche trafen, die andere kennen, die sie gesehen haben sollen.

 

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Tag 16

Vilém Flusser hat im Buch der Gesten, „Versuch einer Phänomenologie“ den Essay „Die Geste des Maskenwendens“ publiziert, der unter Coronabedingungen neu zu lesen ist. „Das Wesen der Geste ist das Überschreiten des Theaters, also der Bühne, des Aktes, der Handlung, und es ist eine der ganz wenigen Gesten, in der sich die untheatralische…

 

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Tag 15

„Er hatte in seiner Krankheit geträumt, daß die ganze Welt dazu verurteilt war, einer furchtbaren, nie dagewesenen Seuche, die aus den Tiefen Asiens nach Europa kam, zum Opfer zu fallen. Alle sollten zugrunde gehen, außer einigen wenigen Auserwählten.

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Tag 14

Die Brache ist das eigentliche Zentrum Berlins. Genauer: Brachen bilden das eigentliche Zentrum Berlins. Brachen sind Hoffnung, Utopie. Brachen sind Leerstellen, Bruchstellen, Brüche selbst, durch die das Licht der Reflexion seinen Eingang in gewohnte, feststehende Texturen findet. Leider gilt das, was Berlin betrifft, hauptsächlich fürs Präteritum.

 

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Tag 13

Ich wollte einen neuen Haarschnitt haben. Zwei Tage lang lernte ich deutsche Wörter und Sätze zu diesem Thema. Ich habe mich vorbereitet. Ich habe sogar Bilder mit Haartrachten und Frisuren gefunden, die ich haben wollte, im Fall, dass ich es nicht erklären kann.

 

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Tag 12

Poetik der Natur durchs Prisma einer Stadtlandschaft gesehen: Straßenbahnschienen, die unter den Fenstern gespannt sind. Dazwischen liegt eine Insel schmalen Lands; morgens, abends, manchmal auch am Nachmittag laufen Hunde und Besitzerchen an ihr entlang. Aus irgendeinem Grund hat mich gerade diese kleine Insel immer schrecklich traurig gemacht.

 

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Tag 11

Daß geübtes sich Verirren in der Stadt eine Kunst ist, erwähnt Walter Benjamin irgendwo in seinen Kindheitstexten. „Sich in einer Stadt wie im Wald verirren braucht Schulung.“ „Wald“ zitiert das Märchenhafte dieser Übung und benennt den Reiz daran. Ohne den mythischen Gehalt des Märchens wären wir arm dran.

 

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Tag 10

Benjamin zeichnet in den Notizen zum Passagen-Komplex Baudelaire als den Melancholiker, den sein Stern immer in die Ferne weist. Die Bilder der Ferne erscheinen in seiner Dichtung als Inseln, die aus dem Meer der Vorvergangenheit auftauchen oder aus dem Smog von Paris. Das Phänomen in den coronahaltigen Novembernebel Berlins übertragen ist etwas, das wir mit Benjamin den V-Effekt großstädtischer Poesie nennen könnten.

 

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Tag 09

Die Läden sind voll, der Abstand zwischen den Besuchern beträgt weniger als einen halben Meter, die Einkaufswagen und Körbe sind mit allen Dingen prallvoll. Schwarzer Freitag, mein Freund. Das Wochenende steht uns bevor, und Weihnachten, Weihnachten drängelt schon vor der Tür.

 

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Tag 7,5

Nicht weit vom Eingang zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde befindet sich die Gedenkstätte der Sozialisten. Sie erinnert stark an die versteinerte Kommandozentrale eines Ufos und die überirdische Herkunft ihrer Besatzung. Dort, im zentralen Teil, ruhen zehn Kommunisten.

 

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Tag 07

Heute haben wir auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde gefroren. Mit uns fror Walter Benjamin, dessen zerfledderte curacao-blaue Reclam-Ausgabe, Leipzig 1984, ein paar Seiten im Wind lassen musste.

 

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Tag 06

Boris Pasternak war 1905 zum ersten Mal im Ausland, er war 15 Jahre alt. Berlin war seine erste Stadt in Europa: „Alles ist ungewöhnlich, alles ist anders hier, als ob man nicht lebt, sondern einen Traum sieht, an einer erfundenen, nicht inszenierten Theateraufführung teilnimmt.

 

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Tag 05

Städte sind Schlachtfelder, sagt Walter Benjamin bei der Lektüre von Brechts LESEBUCH FÜR STÄDTEBEWOHNER. Die Stadt ist umkämpft, man sie sich erobern. Hier leben, heißt sich Lebensraum erkämpfen, und sei es zuletzt gegen die Bürokratie. Ob unter der Brücke oder im Townhouse, ob sozialer Wohnungsbau, Eigentumswohnung, Haus an der Stadtautobahn und sonstwas dazwischen, was erkämpft ist, wird verteidigt. Und im Innern, drinnen, geht es weiter, wenigstens bei denen, die es haben.

 

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Tag 04

Der russische Schriftsteller und Historiker Nikolai Karamzin schrieb im späten 18. Jahrhundert in den „Briefen eines reisenden Russen“: „Die Moral der Einheimischen wird in gewisser Weise von der schlechten Seite her verherrlicht. Herr C* nennt Berlin Sodom und Gomorrha; doch Berlin hat noch nicht komplett versagt, himmlischer Zorn macht es noch nicht zu Asche.

 

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Tag 03

Walter Benjamin schrieb in seiner „Einbahnstraße“: „Wer liebt, der hängt nicht nur an „Fehlern“ der Geliebten, nicht nur an Ticks und Schwächen einer Frau, ihn binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte Kleider und schiefer Gang viel dauernder und unerbittlicher als alle Schönheit. Man hat das längst erfahren. Und warum? Wenn eine Leere wahr ist, welche sagt, daß die Empfindung nicht im Kopfe nistet, daß wir ein Fenster, eine Wolke, einen Baum nicht im Gehirn, vielmehr an jedem Ort, wo wir sie sehen, empfinden, so sind wir im Blick auf die Geliebte außer uns.

 

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Tag 02

Die Stadt wird nicht nur durch so epochale Ereignisse wie Kriege, Wiederaufbau und Neubauten neu geschrieben. Sie ist anders im Winter und Sommer, Herbst und Frühling. Nach dem Weihnachts- und Silvesterfeuerwerk, nachdem sich ein Obdachloser auf der Straße vor Ihrem Haus niedergelassen hat, nachdem das Geschäft geöffnet oder geschlossen wurde, erschien eine neue Inschrift oder die alte verschwand.

 

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Tag 01

„Wenn Sie einem jungen Menschen eine herzlose und bösartige Strafe auferlegen wollen, verpflichten Sie ihn, ein Jahr lang Tagebuch zu führen.“

Mark Twain,

Die Unschuldigen im Ausland

 

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