Berliner Tagebuch

Tag 1

„Wenn Sie einem jungen Menschen eine herzlose und bösartige Strafe auferlegen wollen, verpflichten Sie ihn, ein Jahr lang Tagebuch zu führen.“

Mark Twain, Die Unschuldigen im Ausland

Und damit beginnen wir unsere persönliche Bestrafung – unser Modell eines Berliner Tagebuchs etwa und dazwischen. Eigentlich ist es ein so seltener Fall, wenn ein Tagebuch nicht nur zu einer Sammlung verschiedener Werke wird, sondern selbst zu einem kollektiven Werk.

Tag 2

Die Stadt wird nicht nur durch so epochale Ereignisse wie Kriege, Wiederaufbau und Neubauten neu geschrieben. Sie ist anders im Winter und Sommer, Herbst und Frühling. Nach dem Weihnachts- und Silvesterfeuerwerk, nachdem sich ein Obdachloser auf der Straße vor Ihrem Haus niedergelassen hat, nachdem das Geschäft geöffnet oder geschlossen wurde, erschien eine neue Inschrift oder die alte verschwand. Sie ändert ihre Farbe je nach Jahreszeit und Mode. Seine Bevölkerung wächst und sinkt täglich, und die Ströme anderer Sprachen und Kulturen fließen in die Hauptsprache und -kultur ein. Seine jahrhundertealten Denkmäler verlieren ihre Bedeutung und werden neu. Die Stadt verändert sich so oft, dass man sie, wenn man sie auch nur für ein Jahr verlässt, leicht wieder wahrnehmen kann.

Tag 3

Walter Benjamin schrieb in seiner „Einbahnstraße“: „Wer liebt, der hängt nicht nur an „Fehlern“ der Geliebten, nicht nur an Ticks und Schwächen einer Frau, ihn binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte Kleider und schiefer Gang viel dauernder und unerbittlicher als alle Schönheit. Man hat das längst erfahren. Und warum? Wenn eine Leere wahr ist, welche sagt, daß die Empfindung nicht im Kopfe nistet, daß wir ein Fenster, eine Wolke, einen Baum nicht im Gehirn, vielmehr an jedem Ort, wo wir sie sehen, empfinden, so sind wir im Blick auf die Geliebte außer uns. Hier aber qualvoll angespannt und hingerissen. Geblendet flattert die Empfindung wie ein Schwarm von Vögeln in dem Glanz der Frau. Und wie Vögel Schutz in den laubigen Verstecken des Baumes suchen, so flüchten die Empfindungen in die schattigen Runzeln, die anmutlosen Gesten und unscheinbaren Makel des geliebten Leibs, wo sie gesichert im Versteck sich ducken. Und kein Vorübergehender errät, daß gerade hier, im Mangelhaften, Tadelnswerten die pfeilgeschwinde Liebesregung des Verehrers nistet“.

So liebt man die Stadt nicht nur für die schönen Frontfassaden, doch für das Mauerwerk, das durch den Putz hindurchscheint, für den rissigen Asphalt der Innenhöfe, für die angeschlagene Stufe …

Unter meinen Fenstern haben Mosaike aus Krakeelen im Asphalt einen märchenhaften Vogel in den Hof gezaubert. Jeden Tag seh ich ihn mir an. Nur im Regen kann ich ihn nicht sehen, und es ist ein bisschen traurig ohne ihn.

Tag 4

Der russische Schriftsteller und Historiker Nikolai Karamzin schrieb im späten 18. Jahrhundert in den „Briefen eines reisenden Russen“: „Die Moral der Einheimischen wird in gewisser Weise von der schlechten Seite her verherrlicht. Herr C* nennt Berlin Sodom und Gomorrha; doch Berlin hat noch nicht komplett versagt, himmlischer Zorn macht es noch nicht zu Asche.

Als Herr С* dies schrieb, vergaß er in der Tat, dass es in allen Familien hässliche Kreaturen gibt und dass man aus diesen hässlichen Kreaturen nicht auf die ganze Familie schließen kann. Es ist seltsam, wenn Menschen die Tugenden oder Laster der anderen zählen, und zwischen Städten ist es noch seltsamer (…).

Man erzählte mir, dass eines Abends im Tiergarten verderbte Berliner Bacchantinnen wie Furien auf einen unglücklichen Orpheus, der allein durch die Dunkelheit lief, losstürmten; sie nahmen ihm sein Geld und seine Uhr ab, und hätten ihm auch noch die Kleider heruntergerissen, wenn die Leute, die vorbeikamen, sie nicht gezwungen hätten, sich zu zerstreuen. Aber selbst wenn ich tausend solcher Anekdoten gehört hätte – eine so schöne Stadt wie Berlin hätte ich nicht schlechtmachen können“.

Und was soll ich sagen: Berlin ist noch immer nicht zu Asche zerfallen, es ist immer noch schön, und vor nicht allzu langer Zeit wurde meiner Tochter ihre Tasche mit unserer Bankkarte gestohlen. Und diese Karte, ja, sie tourt immer noch durch Deutschland und irgendein hässliche Kreatur versucht immer noch Geld mit ihr zu ziehen.

Tag 5

Städte sind Schlachtfelder, sagt Walter Benjamin bei der Lektüre von Brechts LESEBUCH FÜR STÄDTEBEWOHNER. Die Stadt ist umkämpft, man sie sich erobern. Hier leben, heißt sich Lebensraum erkämpfen, und sei es zuletzt gegen die Bürokratie. Ob unter der Brücke oder im Townhouse, ob sozialer Wohnungsbau, Eigentumswohnung, Haus an der Stadtautobahn und sonstwas dazwischen, was erkämpft ist, wird verteidigt. Und im Innern, drinnen, geht es weiter, wenigstens bei denen, die es haben. Die Etuimenschen, wie Benjamin sagt, die im Etui wohnen, im Futteral, die sich eingerichtet haben, die wollen bleiben. Einrichtung ist Ausrichtung, die elektronische Fußfessel der Wiedererkennbarkeit. Wohnen als Statusausweis – das hat lange gestimmt. Stimmt für die Mehrheit immer noch. Aber es reicht nicht. Es reicht nicht, zuhause, bei sich, bei sich zuhause zu sein. Es reicht denen nicht, die draußen – Draußen, das wir Freiheit nennen und womit wir Freiraum meinen – etwas ändern, in Bewegung halten wollen; denen, die gestalten wollen, reicht es nicht, und nur wer denkt, kann das tun. Wer denkt, der deutet, und im Ballungsraum der Deutungshoheit – der Stadt – geht es ohne Denken nicht. Die Stadt ist deren Wohnung, die sie denken.

 

§ 1 Absicherungsgesetz: Berlin kannste nich erobern, in Berlin kannste dir höchstens behaupten.

Tag 6

Boris Pasternak war 1905 zum ersten Mal im Ausland, er war 15 Jahre alt. Berlin war seine erste Stadt in Europa: „Alles ist ungewöhnlich, alles ist anders hier, als ob man nicht lebt, sondern einen Traum sieht, an einer erfundenen, nicht inszenierten Theateraufführung teilnimmt. Du kennst niemanden, niemand sagt dir, was du tun sollst … Bald lernte ich Berlin kennen, wanderte durch seine unzähligen Straßen und den endlosen Park, sprach Deutsch, imitierte den Berliner Dialekt, atmete eine Mischung aus Lokomotivrauch, Lampengas und Bierduft und den Duft der Mälzereien, hörte Wagner …“

Jetzt gibt es in dieser Stadt keinen Rauch von Lokomotiven, keine Gaslampen, keinen Braudunst mehr zu riechen. Und es gibt keinen Pasternak mehr. Er hat Berlin zuletzt 1935 gesehen. Damals beschloss er, „Doktor Schiwago“ zu schreiben. Für diesen Roman erhielt er 1958 den Nobelpreis und wurde aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen.

Draußen vor dem Fenster rauscht die Straßenbahn, Autos und Fahrräder stehen im Stau. Und zweihundert Meter von unserem Haus entfernt befindet sich das „Pasternak“, ein Restaurant, in dem jeder ein Gericht namens „Proletariat“ probieren kann. Seltener Fall, in dem, der Geschichte zufolge, das Gericht einen Mann gegessen hat, nicht umgekehrt …

Tag 7

Heute haben wir auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde gefroren. Mit uns fror Walter Benjamin, dessen zerfledderte curacao-blaue Reclam-Ausgabe, Leipzig 1984, ein paar Seiten im Wind lassen musste. In der Thing-artigen Weihestätte von Sozialisten für Sozialisten fiel uns auf, daß die im innersten Zirkel – Liebknecht, Luxemburg, Pieck, Ulbricht, Thälmann, Breitscheid, Künstler, Mehring, Grotewohl, Schehr – keine Geburtsdaten, nur Sterbedaten haben. Ein Geisterrondell. Nie geboren, nur gestorben zu sein, dachten wir, kann doch nichts anderes als Unsterblichkeit bedeuten. Wer nicht geboren ist, kann gar nicht sterben. Ein Fall für Zombiewissenschaftler. Wir lasen in und aus Benjamins Thesen ÜBER DEN BEGRIFF DER GESCHICHTE, tranken indischen Tee mit schottischem Whisky aus der Taxifahrer-Thermoskanne aus Peking, setzten uns in den VW-Caddy aus Poznań und fuhren am Dong Xuan Center vorbei Richtung Friedrichshain, wo der überschaubare Friedhof der Märzgefallenen sich unter den Grabgebinden vom letzten Totensonntag wärmt.

Tag 7,5

Nicht weit vom Eingang zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde befindet sich die Gedenkstätte der Sozialisten. Sie erinnert stark an die versteinerte Kommandozentrale eines Ufos und die überirdische Herkunft ihrer Besatzung. Dort, im zentralen Teil, ruhen zehn Kommunisten. Zehn berühmte Kommunisten. Nur das Todesdatum ist auf ihren Grabsteinen eingraviert. Kein Geburtsdatum. Zuerst kann man denken, dass es eine bestimmte Art von ewigem Leben symbolisiert. Aber … warten Sie bitte! Wenn man nie geboren wurde, hat man nie existiert, nicht wahr? Oder erschien schon lange vor der Schöpfung. Damit können wir annehmen, dass die zehn Kommunisten, die Welt erschaffen haben. Den Kosmos. Dann trennten sie die Dunkelheit vom Licht, erschufen Gott und damit schließlich auch den Kommunismus. Oder sie waren selbst kommunistische Götter. Aber wegen der Missgunst der Verhältnisse wurden sie gleich tot geboren.