Balu Berlin

Michael Busch

Der Ostbär hat auf jeden Fall die längere Zunge. Warum hat dieser Bär eine rote Zunge? Sie ist dünn und lang und reicht über den dicken Bauch hinaus. Er züngelt, als wollte er wie ein Frosch Insekten fangen. Ist der Berliner Bär ein verkleideter Frosch? Ein Hybrid, der im Wasser und auf dem Land leben kann? Berlin ist tatsächlich immer nah am Wasser gebaut, wenn es um seine Größe, seine Bedeutung geht. Flüsse, Seen, Gewässer, Kanäle machen einen großen Teil seiner Stadtfläche aus. Der Frosch wäre also als Wappentier nicht unangebracht, er würde die Stadt vor Eintagsfliegen schützen. Er würde die Touristenschwärme vernaschen, ihnen Honig ums Maul schmieren. Damit sind wir aber wieder zurück bei den Bären. Bis zur Wiedervereinigung gibt es einen Ostbären und einen Westbären auf den jeweiligen Stadtwappen. Der Ostbär hat, wie gesagt eine längere Zunge, wirkt gedrungener, sein Bauch ist rundlicher, seine Tatzen wirken zierlicher als die seines Westkollegen. Der wiederum kommt vom Rumpf her schlanker daher, hat als Erinnerung an das tatsächliche Tier einen Schwanzstummel und dickere Arme. Die Krallen an Armen und Beinen leuchten gefährlich rot, das aufgerissene Maul mit der etwas kleineren, aber ebenso roten Zunge, ist mit scharfen Zähnen detailliert ausgestattet. Wie er auf seinem silbernen oder weißen Schild steht, hat er was von einem Karatekämpfer, der Ostberliner Bär ist mehr ein Zirkusjongleur, er wirkt gemütlicher. Probiers mal mit Gemütlichkeit singt Balu, der klassische Über-Bär im Dschungelbuch. Dit is Berlin, schrie Herbert Fritsch immer in Pension Schöller, der ersten großen Berlin Komödie der Volksbühne unter Castorf. Dieses Berlin war eine kuschelige, gemütliche Blase, bis es mehr und mehr in internationale Fahrwasser geriet und immer mehr Touristen anlockte als arme sexy Partystadt.

Balu Berlin, in der neuesten Staffel, hat viel von der Konnopkeschen, Ballhaus´schen, Prater´schen Gemütlichkeit verloren, es wurde wie der Westbär martialischer, gefrässiger, animalischer.

Längst sind die Berliner Maskottchen Bären aus dem Bärengehege am Märkischen Museum verschwunden, der Bärenzwinger ist heute passenderweise eine Kunstgalerie. Dabei ist der martialische Westbär mit seinen blutroten Krallen erst seit 1954 im Einsatz, der Ostbär stammt noch von 1934 und hat sich aus einem viel zotteligeren Bären von 1924, der Babylon Berlin Zeit, herausstilisiert. Ihm wurde das Fell geglättet und die Krallen gestutzt.

Beide Bären müssen von rechts nach links gehen, wobei sie verpflichtend mit dem rechten Fuss voranschreiten, so will es die Heraldik, ihre Bewehrung, also ihre Waffen, sind herauszuarbeiten, daher die roten Krallen und, etwas weniger einleuchtend, die rote Zunge.

Die beiden Bären traten zum ersten Mal auf einer Postkarte gemeinsam in Erscheinung, die die Initiative Weltkulturerbe Doppeltes Berlin bewarb. Dieses von Architekten um Arno Brandlhuber herum initiierte Kunstprojekt war Teil einer Ausstellung über Architektur und Ideologie mit dem Titel Between Walls und Windows, die 2012 am Haus der Kulturen der Welt stattfand. Das Doppelte Berlin versammelte unter der These, dass es, bedingt durch die Teilung, zwei Berlins gibt und damit viele Kultur und Verwaltungsbauten in zweifacher Ausfertigung vorhanden sind, lustige Paarkonstruktionen. Ziel des augenzwinkernden Projektes war es, das Doppelte Berlin auf die Liste des UNESCO Weltkulturerbestätten zu hieven. So wurde die Kongresshalle am Alexanderplatz, jener visionär Das-Runde-Muss-Ins-Eckige Bau Henselmanns der schwebenden Flügelarchitektur der Schwangeren Auster gegenübergestellt, die Volksbühnen Ost und West, die großen Bibliotheken und Universitäten, Opernhäuser, Springer Hochaus und Hochhäuser Fischerinsel, Funkturm, Fernsehturm, Hansaviertel und Stalinallee, ein verspieltes Berlin Memory aus architektonischen Pärchenbildungen.

Aber nicht nur. In der Ausstellung damals konnte man in einem Video Aufnahmen der kleinen Bimmelbahnen im Britzer Garten und der Wuhlheide vergleichen, die sich in ihrer ausgestellt deutschen Gartenzwerghaftigkeit aufs niedlichste ergänzten. Interessant war auch ein Video, das die Zebras in Zoo und Tierpark beobachtete, ein Hinweis darauf, dass es jenseits der Architektur auch lebendige, kulturelle Dopplungen in der Stadt gab.

Die Punk Romantik etwa, die den Prenzlauer Berg der 80er genauso durchwehte wie die Brachen Kreuzbergs als jeweils anti-ideologische Utopisten Ideologie gegen die jeweiligen Schweine Systeme, das wäre eine Dopplung, die auf ein Gemeinsames verweist, die das Doppelte Berlin nicht zweiteilt sondern die Ähnlichkeiten herauspoliert. Vielleicht sollte man ja mal einen historischen Ost West Punk Kongress veranstalten.

Jenseits der Ideologie der Architekturen sind es ja mehr Entsprechungen als Dopplungen und selbst die Architekturgeschichte Berlins ist weitaus komplexer, weitaus dialogischer als dialektisch. Wieviel wurde vom Zuckerbäckerstil der Karl Marx Allee geschrieben und die kühle Moderne der internationalen Stararchitekten im Hansaviertel dagegengestellt, Aufmarschgebiet gegen Schlafstadt. In Wirklichkeit gab der dritte Bauabschnitt an der Karl Marx Allee bereits die Antwort auf diese These mit den kühlen Stil Ikonen der Moderne, den Kinos International und Kosmos, Cafe Moskau, Hotel Berolina, die ihrerseits eine Art Ost Hansaviertel bilden.

Zurück zu den Bären. Die wurden in ein Bild gezwungen und man muss sagen, im Grunde sind die beiden schwarzen Burschen sich doch sehr ähnlich. Was die Wappen unterscheidet sind eher die Aufsätze auf den Wappenschildern, die auf der Postkarte fehlen. Im Westen ist das eine fünfblätterige Laubkrone deren Stirnreif als Mauerwerk mit einem geschlossenen Tor in der Mitte ausgestattet ist. Der ältere Entwurf, der in der DDR verwendet wurde hat, fünf stilisierte Wehrtürme als Krone, die den Kollhoffschen Bebauungsplan des Alexanderplatzes mit seinen Hochhauszähnen wie vorwegnehmen.

Wappen sind Symbole. Sie repräsentieren das Selbstbild der Stadt. Lange Zeit hat sich der Bär das Wappen mit den flatternden Adlern Preussens und Brandenburgs teilen müssen, bis es sich ausgeflattert hatte, die Adler Federn liesen und der Bär ihnen die Zunge rausstrecken konnte als Alleinstellungsmerkmal einer Stadt, die sich ihrer selbst immer wieder vergewissern muss. Und sei es damit, überall diese schlimmen, bunten Buddy Bären hinzustellen.