Anständig. Ein Verhaltensmodell

Christian Lüdemann

Anfang der 1960er Jahre entstand in Pankow ein größeres Wohnviertel. Es liegt an einer der Ausfallstraßen Richtung Norden. Als Erstklässler bezeichnete mein Bruder auf dem Adressfeld einer Ansichtskarte aus dem Ferienlager die Straße als Brennesselauer Bominnade. Unsere Familie gehörte zu den ersten, die dort einzogen. Im Haus wohnten auf jeder Etage zwei Familien, man grüßte sich freundlich. Es gab keinen Hausgemeinschaftskeller, keine gemeinsamen Feste: Jeder machte seins, man ließ sich in Ruhe. Nur die Kindergeburtstage übertraten diese Schwelle. Die Rituale der Kindheit waren schön und überschaubar. Eher beunruhigend die Gespräche meiner Eltern, die wir am Rande mitbekamen. Da ging es um den chaotischen Arbeitsalltag und die Sehnsucht nach der großen weiten Welt.

Anfang der 90er gehörten wir zu denen, die ahnten, dass über sie eine Stasi-Akte angelegt worden war. Wir wollten wissen, ob es unter Freunden, Verwandten, Kollegen Menschen gegeben hatte, die Informationen über uns weitergeleitet hatten. Mein Vater sollte als Naturwissenschaftler eine internationale Kariere machen, was daran scheiterte, dass er sich nicht dazu überreden ließ, einer politischen Partei beizutreten: Er war stolz, trotzig, sein Gewissen hatte einen hohen Preis. Jedenfalls hatte man im Rahmen der Überprüfungen, ob er für den Job geeignet sei, alle erdenklichen Mühen aufgewandt, um an Informationen über uns zu kommen. Vor uns lagen Berichte, Einschätzungen, abgefangene Briefe und Protokolle, die Zeugnis gaben, dass man tief ins Privatleben unserer Familie vorgedrungen war.

Heute wohne ich nur wenige Minuten vom Ort meiner Kindheit entfernt: das Ende einer kleinen Odyssee, die Mitte der 80er Jahre mit dem Umzug von Pankow nach Kreuzberg begann. Es war die Sehnsucht, die Welt kennenzulernen. Wilmersdorf, Charlottenburg, Kreuzberg – ich kannte die die Bezirke seit frühester Kindheit aus dem Fernsehen, aus Erzählungen. Und ich wollte wissen, wie es in der Schweiz, in Frankreich und auf der anderen Seite vom Atlantik aussieht. Ich wollte Big Ben, das Stundensignal der BBC, das ich immer abends bei meiner Großmutter aus ihrem riesigen Röhrenradio gehört hatte, live erleben. Die Träume gingen in Erfüllung, nachdem ich mit einem Ausreiseantrag und der Hilfe von Freunden dann von Ost- nach Westberlin umziehen konnte.

Manchmal komme ich an dem Block vorbei, in dem ich bis 1980 wohnte. Der Verkehr rauscht wie eh und ich stelle mir wie schon als Kind vor, dass manche dieser Reisenden weiter bis Rostock und dort auf die Fähre rollen, Richtung Skandinavien. Ähnlich sollte auch meine erste Reise beginnen, die mir der neue Pass damals ermöglichte.

Längst sind die Gärten verschwunden, in denen wir als Kinder unsere Abenteuer erlebten, Den Kindergarten gegenüber der großen Kirche gibt es noch. Vertrautes ist geblieben. Das gilt auch für die Familien, mit denen wir heute in einem Haus leben. Wie vor 40 Jahren grüßt man sich, nimmt Pakete für die Nachbarschaft entgegen, lässt Handwerker in fremde Wohnungen. Kürzlich dachte ich an unsere alten Nachbarn. Ende der 70er Jahre wurden sie gefragt, ob man ihre Wohnung nutzen könne, um uns auszuspähen. In der Akte steht darüber: „Die Nachbarsfamilie konnte nicht überzeugt werden, ihre Wohnung für den Vorgang zur Verfügung zu stellen. Trotz Inaussichtstellung umfangreicher Vorteile antworteten sie immer wieder: ‚So etwas tut man nicht!‘“ Ein immer noch richtiges Handeln, ein Modell geradezu, da bin ich mir sicher.

Christian Lüdemann ist Medienwissenschaftler und arbeitet bei der Fraunhofer-Gesellschaft.